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Der andere Blick. Ein münsterländischer Dorffotograf im „Dritten Reich“

Bausteine zur Interpretation von Fotografien im Geschichtsunterricht von Hendrik Lange

Fotografien sind faszinierende Quellen. Neben schriftlichen eignen sich vor allem visuelle Quellen, wie Fotografien, um den Konstruktionscharakter von Geschichte zu erkennen. Für den Geschichtsunterricht stellen wir Ihnen hier verschiedene Motive und Unterrichtsbausteine zur Arbeit mit Bildquellen vor. Die Impulse und Aufgabenstellungen verstehen sich ausdrücklich als Vorschläge für einen kompetenzorientierten Unterricht, der die Möglichkeit zum korrelativen Lernen eröffnet.
Im Mittelpunkt stehen Bilder aus der Sammlung des Bauernsohnes und Dorffotografen Ignaz Böckenhoff (1911-1994; Kurzbiografie). Zeitlich gesehen geht es um die NS-Zeit und die Nachkriegszeit. Das 20. – „deutsche“ – Jahrhundert ist ein Pflichtthema im Geschichtsunterricht. Böckenhoffs Werk kann man zum Großteil dem Spektrum der „Alltagsfotografie“ zuordnen. Seine Fotografien eröffnen einen neuen und ungewohnten Blick auf die NS-Zeit.
Alle vorgeschlagenen wie auch viele weiteren Bildmotive können bequem und legal aus dem Bildarchiv Online des LWL-Medienzentrums heruntergeladen und digital verwendet werden.

Möchten Sie diese Handreichung lieber in gedruckter Form? Hier finden Sie das PDF-Dokument „Der andere Blick“ (nicht barrierefrei). Alle Bausteine finden Sie außerdem auf den entsprechenden Seiten als Arbeitsblätter zum kostenfreien Download.

Bausteine

Baustein 1: Das Bild der Frau in der NS-Zeit. Zwischen Ideologie und Realität

Methode: Bildinterpretation  -  Bildvergleich
Kommentar: Die NS-Ideologie wies – im Einklang mit verbreiteten konservativen Anschauungen – Männern und Frauen unterschiedliche Bestimmungen und Aufgaben zu. Während der Mann allein das Geld verdienen sollte und sich als Soldat zu bewähren hatte, sollte die Frau sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken. In der Realität freilich konnte man allein schon aus wirtschaftlichen und finanziellen Sachzwängen diesen ideologischen Anspruch nicht umsetzen. Zwar stieg im „Dritten Reich“ die Geburtenrate, dennoch nahm die Frauenerwerbstätigkeit in der Industrie und der Landwirtschaft zu. Erst Recht im Krieg mussten die Frauen „ihren Mann stehen“...
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Kartoffelernte, Frauen auf dem Feld, mit Pferdefuhrwerk, Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Baustein 2: Jugend in der NS-Zeit. Zwei Jungen im Vergleich

Methode: Bildinterpretation mit Thesenbildung  -  Verfassen eines Dialogs, Szenisches Spiel
Kommentar: Selbst scheinbar harmlose Motive und Gegenstände (Modelflugzeug bzw. Fahrrad) können in Fotografien aus der NS-Zeit Aussagen über ideologische Vorgaben oder politische Bedingungen transportieren. Die männlichen Kinder und Jugendlichen wurden schon früh auf kriegswichtige Aufgaben vorbereitet. Auf der Stundentafel im „Dritten Reich“ standen Fächer wie „Flugmodellbau“ oder „Flugphysik“, und in der (organisierten) Freizeit frönten viele Jugendliche dem Hobby des Segelfliegens oder des Modellbaus. Das Ziel war klar: Piloten und Ingenieure für den Krieg zu rekrutieren. Während viele deutsche Jugendliche diese Angebote gerne annahmen und sich somit ins Regime integrierten, traf gleichzeitig ausländische Jugendliche der NS-Terror. Schon im Alter von höchstens 13 Jahren ist der Pole Jan Chadsynski als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Fern der Heimat und der Familie, darf er nach den Gesetzen der Nationalsozialisten nicht mal ein Fahrrad benutzen...
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Junge mit Flugzeugmodell, Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Baustein 3: Kriegsbegeisterung?

Methode: Analyse eines „Stimmungsbildes“
Kommentar: Der Blitzkrieg gegen Polen verlief zwar erfolgreich, dennoch herrschte in der deutschen Bevölkerung 1940 keine Begeisterung für einen Waffengang gegen Frankreich und die anderen westeuropäischen Staaten. Viele Deutsche hatten trotz der Propaganda Angst, denn die Erinnerungen an die Leiden des Ersten Weltkrieges waren noch präsent. Auf Böckenhoffs Foto kommen unterschiedliche Einstellungen zum Vorschein. Neben Begeisterung, sieht man nachdenkliche Menschen und Zivilisten, die gelassene Gleichgültigkeit zeigen. Auch wenn Adolf Hitler sich im Sommer 1940 nach dem Sieg über Frankreich auf dem Höhepunkt seiner Macht befand, so wird doch durch das Foto deutlich, dass die Deutschen dem NS-System und seiner Kriegspolitik differenziert gegenüberstanden...
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Ein Truppenverband der Waffen-SS verläßt das Dorf, Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Baustein 4: Unheroische SA-Männer – Subtile Systemkritik?

Methode: Dekonstruktion der ästhetischen Mittel der NS-Propaganda
Kommentar: Unser Blick auf das „Dritten Reich“ ist stark beeinflusst durch die Bilderflut der offiziellen NS-Propaganda. Die Bilder werden zwar heute in einem anderen Kontext präsentiert und in Schulbüchern auch durch die Texte erklärt, dennoch prägen ihre visuellen Propagandabotschaften immer noch unsere Wahrnehmung. Gerade hier bieten sich Aufnahmen Böckenhoffs zum Vergleich an, denn er orientiert sich an den ästhetischen Mitteln seiner Zeit, aber er spielt vielmehr mit ihnen und regt auf subtile Art und Weise zum Nachdenken an...
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Übung einer SA-Ortsgruppe, 1941, Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Baustein 5: Fotos vom Fronturlaub und Familienporträts im Krieg

Methode: Bildinterpretation mit Diskussion - Zur Vertiefung: fiktiver Briefwechsel
Kommentar: Der Zweite Weltkrieg wurde jahrelang außerhalb des Deutschen Reiches geführt und so war ein Großteil der männlichen Bevölkerung an fernen Fronten eingesetzt. Dieser Umstand hatte gravierende Auswirkungen auf die ganze deutsche Gesellschaft. Vor allem in den Familien fehlten die Männer. Viele Kinder wuchsen ohne ihren Vater auf, und die Mütter mussten alleine für den Unterhalt des Haushaltes und die Erziehung sorgen. Aber auch in der Landwirtschaft und der Industrie fehlten die Eingezogenen als Arbeitskräfte, die nur unzureichend durch Zwangsarbeiter und Frauen ersetzt werden konnten. Der Fronturlaub stellte daher eine wichtige Klammer zwischen Front und Heimat dar. Er diente nicht nur zur Erholung der Soldaten, sondern war eminent wichtig für die psychologische Stärkung der Bevölkerung. Fotos sollten daher diesen Moment des Heimaturlaubs festhalten und helfen, die Zeit bis zum nächsten Urlaub bzw. bis zum Kriegsende zu überstehen...
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Soldaten im Heimaturlaub, Bernhard Stenert und Familie in Raesfeld, 1942, Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen