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Baustein 5: Fotos vom Fronturlaub und Familienporträts im Krieg

Bausteine zur Interpretation von Fotografien im Geschichtsunterricht

Der Zweite Weltkrieg wurde jahrelang außerhalb des Deutschen Reiches geführt und so war ein Großteil der männlichen Bevölkerung an fernen Fronten eingesetzt. Dieser Umstand hatte gravierende Auswirkungen auf die ganze deutsche Gesellschaft. Vor allem in den Familien fehlten die Männer. Viele Kinder wuchsen ohne ihren Vater auf, und die Mütter mussten alleine für den Unterhalt des Haushaltes und die Erziehung sorgen.
Aber auch in der Landwirtschaft und der Industrie fehlten die Eingezogenen als Arbeitskräfte, die nur unzureichend durch Zwangsarbeiter und Frauen ersetzt werden konnten. Das ganze soziale Leben erfuhr eine Veränderung, da viele Männer abwesend waren.
Zwar war die Feldpost außerordentlich gut organisiert, konnte jedoch nicht den persönlichen Kontakt während des Heimaturlaubs ersetzen. Der Fronturlaub stellte daher eine wichtige Klammer zwischen Front und Heimat dar. Er diente nicht nur zur Erholung der Soldaten, sondern war eminent wichtig für die psychologische Stärkung der Bevölkerung. Fotos sollten deshalb diesen Moment des Heimaturlaubs festhalten und helfen, die Zeit bis zum nächsten Urlaub bzw. bis zum Kriegsende zu überstehen.

Möchten Sie den Baustein „Fotos vom Fronturlaub und Familienporträts im Krieg“ als Arbeitsblatt herunterladen? Das PDF finden Sie hier (nicht barrierefrei).

Zugang/Methode: Bildinterpretation mit Diskussion - Zur Vertiefung: fiktiver Briefwechsel

Aufgaben:

  1. Beschreiben Sie die Bilder. (Alternativ: Jeder ein Bild)

  2. Ordnen Sie das Motiv „Soldaten im Heimaturlaub“ (Abb. 1) in den historischen Kontext ein. Unterscheiden Sie dabei zwischen den Situationen an den Fronten und der Lage an der „Heimatfront“.

  3. Diskutieren Sie, welche Funktion diese Fotos für die Soldaten und die Familie hatten.

  4. Zum Foto „Gruß an den Vater“ (Abb. 3): Verfassen Sie einen kurzen Briefwechsel. Schreiben Sie einen Brief, den die Mutter dem Foto beilegt. Tauschen Sie dann untereinander die Briefe und versetzen sich in die Rolle des Vaters, der den Brief an der Front erhält, und schreiben aus seiner Sicht einen Antwortbrief.


Zusatzinformationen:

Urlaub von der Front
Im Zweiten Weltkrieg war es für die Soldaten nicht einfach, Urlaub von der Front zu bekommen. Sie mussten ein Urlaubgesuch an ihren Vorgesetzen richten, und die Verwaltungsstellen des jeweiligen Kommandos hatten dann die genehmigten Gesuche zu organisieren, schließlich musste alles u.a. im Soldbuch dokumentiert werden und die Fahrt in die Heimat, wie auch dann der Rücktransport zur Einheit im Voraus eingeplant werden. Je nach Truppengattung, Einsatzgebiet und Kriegslage war es daher sehr unterschiedlich, ob und wann man Fronturlaub bekam. Lange Wartezeiten von über einem Jahr sind belegt. In der Regel betrug die Urlaubszeit dann zwei bis drei Wochen.
Daher ist es kein Wunder, dass der Heimaturlaub für alle Beteiligten, die Soldaten wie die Angehörigen, ein großes Ereignis war. Freunde und Bekannte, in kleinen Dörfern nahezu die gesamte Bevölkerung, waren involviert.

Familienporträts im Krieg
Nur zu ganz besonderen Anlässen wandte man sich für Familienporträts an einen Fotografen. Der Fronturlaub des Vaters oder eines Sohnes war so ein außergewöhnlicher Anlass. Bei solchen Porträts kommt der „Figurenregie“ eine ganz besondere Bedeutung zu. Familien können um eine zentrale Figur gruppiert werden, was die herausgehobene Stellung eines Famlienmitgliedes demonstriert. Eine strenge Reihung kann den Zusammenhalt und die feste Position jedes Einzelnen innerhalb der Familie unterstreichen. Die Mitglieder einer Familie können aber auch locker oder gar zusammenhanglos nebeneinander stehen. Für diese Möglichkeiten gibt es in der Sammlung Böckenhoff zahlreiche Beispiele.
Sonderfälle von Familienaufnahmen stellen die Bilder dar, die Böckenhoff während des Krieges in den Jahren von 1939 bis 1942 realisierte. Fotografien waren ein Medium, um die Verbindung zwischen Heimat und Front aufrecht zu halten. Aufnahmen, die während des Heimaturlaubs entstanden, wurden mit an die Front genommen, um der Familie in der fernen Heimat nahe zu sein. Freilich muss man bedenken, dass das lange Fortsein der Väter nicht selten familiäre Probleme mit sich brachte. Solche Spannungen werden auf den Fotos in aller Regeln nicht sichtbar.

Beobachtungen zu den Fotos:

Die Fotos müssen im Frühjahr (April/Mai) aufgenommen worden sein, denn Pfingsten 1942 wurde Ignaz Böckenhoff zur Luftwaffe eingezogen.
Beim Gruppenfoto vor der Gaststätte (Abb. 1) fällt auf, dass die fünf Soldaten aus allen drei Teilstreitkräften (Heer, Marine, Luftwaffe) stammen und auch im Fronturlaub ihre Uniform tragen. Im Zentrum der Gruppe steht mit Johann Epping sogar ein Angehöriger des Afrikacorps. Die Aussage ist deutlich: Obwohl sie alle aus dem Dorf Raesfeld stammen, kämpfen sie an den verschiedensten Fronten. Und im Fronturlaub wollen sie nicht nur ihre Familien besuchen, sondern das Leben genießen, die Bier-Werbung lädt zum Gaststättenbesuch ein! Die Dortmunder Biermarke „Thier Bräu“ ist auch heute noch bekannt und zum Teil in der über Jahrzehnte stabilen Außenwerbung an Gaststätten und Hotels immer noch präsent. Auffallend ist, dass die Gruppe das Foto nicht total ausfüllt. Am rechten Bildrand könnte noch leicht eine sechste Person stehen. Das dritte Fenster und die Wand sind für das Motiv eigentlich überflüssig. Links weist ein Schild „Kraftpost“ auf eine Haltestelle des kombinierten Personen- und Postbusses der Deutschen Reichspost hin, rechts ist vermutlich ein Briefkasten mit dem Adler-Emblem der Deutschen Reichspost zu sehen. Der Krieg ist zwar durch die Uniformen gegenwärtig, dennoch herrscht eine freudige und positive Stimmung. Alle Beteiligten werden sich gerne an diesen Tag erinnern.
Neben dem Gruppenfoto in der Öffentlichkeit fotografierte Böckenhoff die Soldaten auch in ihrer privaten Umgebung, wie bei dieser Fotografie in der Küche der Familie Stenert (Abb. 2). Die Aufnahme ist Teil einer ganzen Serie von Fotos, die die Familie in ihrer Küche porträtieren. Die Mutter, zwei Söhne und eine Tochter posieren mit dem Vater in verschiedenen Positionen. Bei dieser Aufnahme zündet sich der Hausvater gerade eine (Feiertags-)Zigarre an, und der größere Sohn trägt den väterlichen Stahlhelm und der kleinere dessen Mütze. Die beiden Söhne bewundern ihren Vater, der größere hat seine Hand auf seine Schulter gelegt und der kleinere hält dessen Karabiner. Es war üblich, dass Soldaten auf Heimaturlaub ihr Gewehr mitnahmen, um kampfbereit zu bleiben. Gut sichtbar auf dem Tisch liegt dazu noch sein Gürtel mit dem Soldatenmesser. Die strahlenden Küchenfließen, die Tischdecke und die frischen Blumen in der Vase zeigen ebenso wie die Kleidung und die Schleife im Haar der Tochter, dass die Mutter Familie und Haushalt perfekt auf die Ankunft des Vaters vorbereitet hat. Soweit man das Bild über den Fliesen erkennen kann, zeigt dies eine Landschaft. Man entdeckt weder ein christliches Kreuz, Fotos von Familienangehörigen noch gar ein Porträtbild von Hitler.
Das dritte Foto „Gruß an den Vater, 1941/42“ (Abb. 3) ist das Motiv, das am meisten berührt. Wie in dem vorigen Bild erkennt man anhand der Frisur der Mutter wie auch an der Kleidung des Mädchens, dass sich die Familie für das Foto fein gemacht hat: nur der Vater ist nicht anwesend. Die Mutter hält sein Foto, welches ihn als Soldaten in Uniform zeigt, in die Kamera. Während beide Kleinkinder zum Fotografen schauen, blickt die Mutter auf das Baby herunter.
Hier wird sehr anschaulich das Schicksal einer vaterlosen Familie sichtbar, das zumindest temporär Millionen von Familien erfasste, das große materielle und psychische Belastungen mit sich brachte und über dem stets das Menetekel des Kriegstodes des Vaters schwebte. Sehr wahrscheinlich schickte die Familie dieses Bild per Feldpost an den Mann. So sah er, dass seine Familie lebte und an ihn dachte. Ein solches Foto war also eine ziemlich direkte Aufforderung, nur ja auf sich aufzupassen und heil nach Hause zu kommen. Dahinter steckte die große Sorge, dass dies nicht der Fall sein könne. Für die Kinder kam vermutlich hinzu, dass sie ihren Vater kaum kannten und deshalb einigermaßen verunsichert über die merkwürdige Situation waren. Entsprechend spannungsgeladen wirkt das Foto.