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180 Jahre Fotografie in Westfalen – Die ersten 100 Jahre

Ein Streifzug durch das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums von Felix Dürich und Markus Köster

Vor gut 180 Jahren begann in Westfalen das Zeitalter der Fotografie. 1840, nur ein Jahr, nachdem der Kulissenmaler Louis Daguerre in Paris der staunenden Öffentlichkeit ein Verfahren vorgestellt hatte, mit dem man auf einer mit Jod und Quecksilber bestrichenen polierten Silberplatte ein Bild dauerhaft fixieren konnte, machte sich in Münster Friedrich Hundt als erster Fotograf Westfalens selbständig.

Hundt stammte aus dem sauerländischen Iserlohn, war aber 1833 nach Münster, in die damalige Hauptstadt der preußischen Provinz Westfalen, gezogen und lebte und arbeitete dort zunächst in eher ärmlichen Verhältnissen als Knopfmacher. Aber er war technisch begabt, kreativ und unternehmungslustig. 1839 las er in der Zeitung von dem neuen Verfahren Daguerres und kaufte umgehend die inzwischen auch auf Deutsch erschienene Beschreibung des Daguerre’schen Verfahrens. Er experimentierte mit Optik und Chemie, verschuldete sich für den Erwerb einer Kamera und konnte schließlich stolz in der Zeitung vermelden, dass es ihm gelungen sei, eigene Lichtbilder herzustellen und er nun „zu jeder beliebigen Tages- und Jahreszeit, so wie bei trübem sowohl als heiterm Himmel in 5 bis 25 Secunden ein vollkommen scharfes und ähnliches Porträt (Gruppen) zu liefern im Stande“ sei.

Der runde Geburtstag war Anlass für diesen fotografischen Streifzug durch das Bildarchiv des LWL-Medienzentrums, das annähernd 500.000 Bilder aus allen Teilen Westfalen-Lippes beherbergt. Über 60.000 sind in seinem Onlineportal zu finden (www.bildarchiv-westfalen.lwl.org). Der Beitrag stellt besondere Schätze aus den ersten 100 Jahren der westfälischen Fotografie vor, jeweils einen pro Jahrzehnt.

Friedrich Hundt, 1840-1885 Fotograf in Münster, Atelieraufnahme, undatiert, um 1865?
© LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1840er Jahre: Helene von Landsberg in ihrem Totenbettchen

Das älteste Foto, das von Hundt im Bildarchiv des LWL-Medienzentrums überliefert ist, hat eine ganz besondere Aura und Geschichte. Es zeigt ein soeben verstorbenes kleines Mädchen in seinem Kinderbett. Es handelt sich um Helene von Landsberg, das fünftes Kind des Freiherrn Engelbert von Landsberg-Velen und Steinfurt, das am 6. März 1843 im Alter von nicht einmal drei Jahren in Münster an Diphterie gestorben war. Um die Erinnerung an die tote Tochter zumindest bildlich zu bewahren, bestellten die Landsbergs einen Fotografen, eben jenen Friedrich Hundt, der diese sogenannte Post-mortem-Fotografie aufnahm.

Mit Kunden wie den Landsbergs wurde Hundt rasch wohlhabend. Denn seine teuren Unikataufnahmen waren nicht nur beim Adel, sondern auch beim begüterten Bürgertum sehr begehrt. Diese ersten Fotografien hießen übrigens Daguerreotypien, benannt nach ihrem Erfinder Louis Daguerre. Und sie waren echte Unikate, weil es noch kein Negativ gab.

 

 

Helene von Landsberg in ihrem Totenbettchen, Foto: Friedrich Hundt © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1850er Jahre: Der münstersche Prinzipalmarkt

Ebenfalls vom westfälischen Fotopionier Friedrich Hundt stammt dieses Bild, das 1857 in der Altstadt von Münster entstand. Es zeigt den Prinzipalmarkt mit Stadtwache (Mitte rechts) und der Sankt Lamberti-Kirche, die damals noch einen barocken Turmhelm trug.

 

Das Foto fand übrigens Eingang in ein Album mit 14 Münster-Motiven, das die Stadt 1858 dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich III.) und seiner englischen Braut Prinzessin Victoria zur Hochzeit schenkte. Möglich war das, weil Fotograf Hundt schon Anfang der 1850er Jahre von der Daguerreotypie zu einem aus England stammenden Verfahren gewechselt war, bei dem zunächst ein Negativ auf einer kollodiumbeschichteten Glasplatte entstand, das anschließend – noch in feuchtem Zustand - in der Sonne auf Papier „ausbelichtet“ wurde und damit vervielfältigt werden konnte.

Der münstersche Prinzipalmarkt, Foto: Friedrich Hundt © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1860er Jahre: Zwei Turner

Dieses Foto mit dem Titel „Zwei Turner“ entstand um 1860. Technisch handelt es sich um eine „Ambrotypie“, ein Verfahren, das zwischen 1852 und 1890 als preiswerte Alternative zur Daguerrotypie genutzt wurde. Dabei wurde das kollodiumbeschichtete weißliche Glasnegativ mit schwarzem Papier oder Samt hinterlegt und erhielt so seine (schein)positive Bildwirkung.

Motivisch ist das Bild doppelt interessant: Zum einen weil es ein frühes fotografisches Zeugnis der in Deutschland seit Anfang des 19. Jahrhunderts sehr populären und eng mit der Nationalbewegung verbundenen Turnbewegung ist. Zum anderen, weil der linke der beiden Dargestellten zu einiger Berühmtheit gelangte: Es handelt sich um den 1837 im sauerländischen Arnsberg geborenen Wilhelm Hasenclever.

Der gelernte Lohgerber entdeckte über sein Engagement in Turnverbänden seine Leidenschaft für den Journalismus. 1862/63 wurde er in Hagen Redakteur der demokratisch orientierten Westfälischen Volkszeitung, ein Jahr später Mitglied und später Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der sich 1875 unter seinem Vorsitz mit der SDAP August Bebels zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, der späteren SPD, vereinigte. 1876 begründete Hasenclever mit Wilhelm Liebknecht die Parteizeitung Vorwärts, zudem war er 14 Jahre lang Reichstagsabgeordneter in Berlin, wo er 1889 starb.

Zwei Turner, Fotograf: unbekannt © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1870er Jahre: Der Buddenturm in Münster

In seiner Spätphase widmete sich der Fotopionier Friedrich Hundt neben der Porträt- auch der Architekturfotografie, die sich stets durch eine sorgfältige Bildkomposition auszeichnete. Dabei nahm er auch den Münsteraner Buddenturm vor die Linse. Der 1150 erbaute Wehrturm gilt als ältester erhaltener Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Im 16. Jahrhundert diente er zwischenzeitlich als Gefängnis und schließlich als Pulverturm. Ab 1764 wurde die angeschlossene Stadtmauer in Folge des Siebenjährigen Krieges geschliffen und eine Promenade angelegt, die sich seitdem als grüner Gürtel um die Altstadt legt.

 

Der Buddenturm blieb erhalten und wurde 1879 von Friedrich Hundt fotografiert - kurz vor dem Umbau zum Wasserturm. Dabei wurde ein 500 m³ fassender Wassertank eingesetzt und das Ziegeldach durch eine Zinnenkrone ausgetauscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste der Turm restauriert werden und bekam seine ursprüngliche Dachform zurück. Anschließend nutzten ihn die Stadtwerke Münster bis 1992 als Schaltstelle für die Straßenbeleuchtung. Heute erstrahlt der Buddenturm mit weißer Fassade und rotem Kegeldach und zeugt von der bewegten Stadtgeschichte.

Bildcollage des Buddenturms in Münster von 1879 bis 2005.
© LWL-Medienzentrum (Foto 2005: Rüdiger Wölk, CC BY-SA 2.0)

Frau Geheimrat Sophie Kümpers

Dieses Einzelporträt stammt aus dem Jahr 1886 und aus Rheine im Münsterland. Der Fotograf ist nicht bekannt, wohl aber die abgelichtete Dame, die sich mit stolzem Blick in aufrechter Haltung auf einen prunkvoll verzierten Stuhl stützt. Nicht nur ihr Auftreten, sondern auch das aufwändige Kleid verraten, dass sie aus einer wohlsituierten, hoch angesehenen Rheiner Unternehmerfamilie stammt.

Es handelt sich um Frau Geheimrat Sophie Kümpers – Gattin des Textilmoguls Franz August Kümpers. Mit dem Bau der ersten vollmechanisch betriebenen Baumwollspinnerei Westfalens hatte Carl Kümpers gemeinsam mit einem Kompagnon 1844 den Grundstein für die Industrialisierung in Rheine gelegt. Die Textilindustrie wurde in den Folgejahren zum wichtigsten Wirtschaftszweig und Rheine ein bedeutendes Zentrum der Textilbranche. Die Mechanisierung verdrängte nicht nur beim Spinnen, sondern auch beim Weben die mühsame Fertigung in Handarbeit. Bereits 1861 zählte das Unternehmen „C. Kümpers & Timmerman, Maschinen-Weberei für baumwollene Zeuge“ 216 Arbeiter und 399 mechanische Webstühle. Ob auch die Stoffe für das Kleid von Sophie Kümpers auf einem dieser Webstühle gefertigt wurden, können wir leider nicht mit Sicherheit sagen.

Frau Geheimrat Sophie Kümpers, Fotograf: unbekannt © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1890er Jahre: Die Einweihung des münsterschen Stadthafens

Dieses Foto dokumentiert ein besonderes Event – die Einweihung des münsterschen Stadthafens am 16. Oktober 1899. Es entsprach der Bedeutung des Augenblicks, dass der Verein der Kaufmannschaft zu Münster die Bilder des Ereignisses in einem opulenten Festalbum veröffentlichte, darunter auch dieses.

Eröffnet wurde der Binnenhafen - unter den Augen zahlreicher Herrschaften mit Zylinder und feinem Zwirn - von niemand Geringerem als Kaiser Wilhelm II. Auf dem Foto ist auch das steinerne Denkmal eines Seemanns zu erkennen, der mit Steuerrad und Südwester über das Hafenbecken wachte. Bis zu 19 Frachtkähne fanden darin Platz. Über den Dortmund-Ems-Kanal wurde damals vor allem Bauholz und Getreide importiert.

Während des Ersten Weltkriegs ging der Warenumschlag aufgrund einer britischen Blockade des Emdener Hafens zurück. Seine Bedeutung als Importhafen behielt der münstersche Stadthafen aber. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er so schwer beschädigt, dass der Güterverkehr zum Erliegen kam. Lagergebäude und Ladekräne waren zerstört, im Hafenbecken lagen Wracks gesunkener Schiffe. Bereits 1946 wurde der Hafen aber wieder schiffbar gemacht und lieferte fortan Baustoffe für den Wiederaufbau Münsters. Heute hat er seine Bedeutung als Handelshafen verloren und sich zu einem Zentrum für Kultur und Gastronomie entwickelt. Musikclubs, Restaurants, Architekturbüros und Verlage bilden den sogenannten Kreativkai.

Die Einweihung des münsterschen Stadthafens, Foto: Fotograf unbekannt © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1900er Jahre: Eine junge Wandergruppe

Eine Gruppe von Mädchen und Jungen vor dem sprichwörtlichen westfälischen Eichenbaum und einem Bauernhof. Der skeptische Blick der meisten Kinder steht in merkwürdigem Kontrast zu ihrer adretten Kleidung. Und noch etwas fällt auf: Das Foto ist farbig, obwohl speziell die Kleidung der Dargestellten deutlich auf den Anfang des 20. Jahrhunderts als Entstehungszeitraum zurückweist.

 

Tatsächlich stammt das Bild aus dem Jahr 1906. Aufgenommen hat es aller Wahrscheinlichkeit nach der natur- und wanderbegeisterte Volksschullehrer Richard Schirrmann (1974-1961), bekannt als Gründer der ersten Jugendherberge der Welt im sauerländischen Altena. Schirrmann war seit seiner Jugend ein eifriger Fotoamateur. In seinem umfangreichen fotografischen Nachlass, den das LWL-Medienzentrum 2008 von seiner Tochter übernommen hat, spiegeln sich sein Lebensweg und sein Lebenswerk, speziell das Jugendwandern und das Jugendherbergswesen.

 

In der Sammlung finden sich auch einige frühe Farbfotografien. Sie zeigen Impressionen von Wandertouren, die Schirrmann mit seinen Schülern vor dem Ersten Weltkrieg machte. Es handelt sich um sogenannte Autochrome, Glasplatten, die mithilfe von Kartoffel-Stärkekörnchen selektiv belichtet wurden, wobei die Körnchen als winzige Farbfilter wirkten. Dieses aufwändige Verfahren setzte sich aber nicht durch. Der Siegeszug der echten Farbfotografie begann deshalb erst Mitte der 1930er Jahre mit dem Drei-Farb-Verfahren. In Deutschland wurde die Entwicklung durch den Zweiten Weltkrieg noch einmal unterbrochen, so dass die westfälische Welt in der Fotografie eigentlich erst Mitte der 1950er bunt wird.

Junge Wandergruppe, Foto: Richard Schirrmann © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1910er Jahre: Frauenarbeit im Ersten Weltkrieg in Recklinghausen

Der Erste Weltkrieg gilt als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Auch wenn die mörderischen Kämpfe (fast) nicht auf deutschem Boden tobten, sondern v.a. Belgien und den Norden Frankreichs verwüsteten, war auch die westfälische „Heimatfront“ in vielfacher Hinsicht von den Auswirkungen des Krieges betroffen. Das dokumentiert eine Serie von Fotografien, die zwischen 1915 und 1917 in Recklinghausen entstand. Aufgenommen hat sie der Schulleiter und Heimatschützer Dr. Joseph Schäfer (1867-1938), dessen umfangreicher Fotonachlass im LWL-Medienzentrum ansonsten vor allem Landschaften, Orte und Baudenkmäler im Vest Recklinghausen präsentiert.

Ein kleiner Teil zeigt aber auch die Heimatfront des Ersten Weltkriegs. Rund 30 Bilder rücken Frauen bei verschiedenen Erwerbstätigkeiten ins Bild. Die Palette reicht von einer uniformierten Milchkutscherin über gleichfalls uniformierte Postbotinnen, Schaffnerinnen und Fahrkartenkontrolleurinnen, bis zu einer Heizerin auf einer Dampflokomotive und eben diesen drei Lastenträgerinnen auf dem Güterbahnhof Recklinghausen. Die Motive spiegeln eine doppelte Problemlage der Heimatfront: Zum einen waren –  wegen der viel zu geringen öffentlichen Unterstützungsleistungen für Familien, deren Männer an der Front standen oder gar gefallen waren – viele Frauen gezwungen, sich eine Lohnarbeit zu suchen, um ihre Familie ernähren zu können. Zum anderen herrschte infolge der Einberufung von reichsweit 13 Millionen Männern ein großer Arbeitskräftemangel, weshalb Frauen die Lücken füllen mussten.

Das sieht man auf den Fotografien nicht oder nur bedingt. Deren eindeutige Botschaft lautet, dass Frauen in der besonderen Situation des Krieges bereit und in der Lage sind, auch in klassischen Männerberufen „ihren Mann zu stehen“ und so an der Heimatfront ihren Beitrag für einen siegreichen Kriegsausgang zu leisten.

Frauenarbeit im Ersten Weltkrieg in Recklinghausen
Foto: Joseph Schäfer © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1920er Jahre: Der Neubau der Kommunalbank in Bochum

Diese Aufnahme des Fotografen Ernst Krahn aus Bochum im Jahr 1928 steckt voller Gegensätze - ein Sinnbild für die Zeit der Weimarer Republik im Westen. Die Fotografie ist Teil einer Bildsammlung der Landesversicherungsanstalt Westfalens, die u. a. die Wohnbedingungen in den Industriestädten und Dörfern Westfalens in den 1920ern dokumentiert.

Während im Vordergrund ein einsturzgefährdetes Fachwerkhaus aus dem 19. Jahrhundert - notdürftig mit einem Balken gestützt -  etwas aus der Zeit gefallen scheint, ragt im Hintergrund der moderne Neubau der Kommunalbank empor. In der neuen Architektur zeigt sich der Einfluss von Bauhaus und neuer Sachlichkeit der 1920er Jahre. In dieser Zeit entwickeln sich auch in Westfalen Industriestädte wie Dortmund oder Bochum zu Zentren der Moderne und des Fortschritts. Kulturelle und politische Aufbrüche gehen aber auch hier mit sozialen Konflikten und Missständen wie Armut und Wohnungsnot einher. Nicht ohne Grund wurde die Aufnahme zum Titelbild der multimedialen Wanderausstellung “Weimar im Westen: Republik der Gegensätze“, die nach Ende der Ausstellung online weiterhin einsehbar ist: https://www.weimar-im-westen.de/entdecken/

Neubau der Kommunalbank in Bochum, Foto Ernst Krahn © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1930er Jahre: „Arbeit und Brot“ als Propagandaversprechen der Nationalsozialisten

Für die 1930er Jahre haben wir eine Aufnahme ausgewählt, die nicht unkommentiert veröffentlicht werden kann und eine genaue Einordnung erfordert, denn sie steht exemplarisch für die Instrumentalisierung der Fotografie für die NS-Propaganda. Auch dies ist ein - wenn auch dunkles - Kapitel der westfälischen Fotogeschichte.

Angefertigt wurde das Bild von Heinrich Lehn, einem Amateurfotografen aus Wickede, dessen Motivkanon vornehmlich Landschaftsaufnahmen, Menschen und Ereignisse in und um Wickede umfasste - eine Art fotografischer Chronist seines Heimatortes. Lehn war aber auch aktives Mitglied und Funktionär der NSDAP. Auch seine Fotografiekenntnisse stellte er in den Dienst der NS-Ideologie. Dieses Bild von 1933 zeigt eine Menschenmenge auf dem Schützenplatz in Wickede, die - vielfach in Uniform und mit Parteianstecker - für die Arbeitsbeschaffungsprogramme der neuen Hitler-Regierung demonstrierte. In Folge der Weltwirtschaftskrise nutzten die Nationalsozialisten die hohe Arbeitslosigkeit für ihre Propaganda und versprachen „Arbeit & Brot“. Eine große Zahl von Arbeitsplätzen wurde letztlich im Zuge der Aufrüstung geschaffen, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten entlud.

In seinem Fotomotiv „Arbeit & Brot“ setzt Heinrich Lehn sein gestalterisches und fototechnisches Wissen für eine maximale Propaganda-Wirkung ein. Die genaue Bildkomposition muss eine akribische Regie erfordert haben, um die Menschenmenge in Position zu bringen, die mit starrem Blick Richtung Kamera schaut. Auch die sorgfältige technische Inszenierung in Perspektive, Schärfe und Kontrast verrät, mit welchem Aufwand das Bild für die NS-Propaganda „produziert“ wurde.

„Arbeit und Brot“ als Propagandaversprechen der Nationalsozialisten, Foto: Heinrich Lehn © LWL-Medienzentrum für Westfalen

Die 1940er Jahre: Weihnachtsabend bei Familie Marpert

Dieses Foto entstand genau ein Jahrhundert nach den Anfängen der westfälischen Fotografie an Weihnachten 1940 in Raesfeld im Münsterland. Zwei kleine Jungen – offenbar schon im Schlafanzug –  präsentieren stolz ihre neuen Trompeten. Ein Detail fällt ins Auge: Direkt neben den Jungen sieht man unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum die gerahmte Fotografie eines Wehrmachtssoldaten. Das auf den ersten Blick klassische und unbeschwerte Weihnachtsmotiv war also wahrscheinlich ein Gruß an den an der Front befindlichen Vater, der seine Jungs vermutlich seit Monaten nicht gesehen hatte.

Aufgenommen hat das Foto ein Mann namens Ignaz Böckenhoff. Der 1911 geborene passionierte Fotograf dokumentierte über Jahrzehnte das Leben seiner Nachbarn in seinem Geburtsort Raesfeld. Ein besonderes Gespür entwickelte „der fotografierende Außenseiter“ dabei – so Volker Jakob und Ruth Goebel – für „die zunehmende Ideologisierung und Militarisierung des dörflichen Lebens“ und die „existenzielle Bedrohung des Menschen durch Ideologien und Krieg“. Dabei wahrte er immer eine kritische Distanz zu den Nationalsozialisten und deren Bildersprache und rückte stattdessen die Menschen mit ihren alltäglichen Freuden und Sorgen in den Blick, so auch auf diesem Weihnachtsfoto.

Weihnachtsabend bei Familie Marpert, Foto: Ignaz Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen

180 Jahre Fotografie in Westfalen – Eine Zwischenbilanz

Seit 180 Jahren spiegeln Fotografien die große und kleine Geschichte unserer Welt. Gerade für die lokale und regionale Erinnerung haben sie eine zentrale Gedächtnisfunktion, weil sie in vielfältiger Weise die Erinnerung an Ortsbilder, Gebäude, Ereignisse, soziale Verhältnisse und vor allem an die Menschen und ihr Leben im Wandel der Zeiten koserviren.  So bilden diese visuellen Quellen wertvolle Zeugnisse der Regionalgeschichte Westfalens, geben aber auch Auskunft über die Entwicklungen des Mediums Fotografie und über deren Schöpfer, die unzähligen Profi- und Amateurfotografen Westfalens, deren Engagement wir diese Quellen verdanken.

Selbstporträt im Spiegel mit der Rolleiflex, Foto: Ignaz Böckenhoff © LWL-Medienzentrum für Westfalen