Der „Mythos von Langemarck“
Der „Mythos von Langemarck“ oder Was eine belgische Gemeinde mit Westfalen verbindet
Langemark-Poelkapelle ist heute eine Gemeinde von 8.100 Einwohnern im Südewesten Belgiens, rund fünf Autostunden von Münster und gut eine halbe von der Nordseeküste entfernt. Die wenigsten Menschen in Westfalen dürften sie kennen.
Das war vor 100 Jahren ganz anders. Da wusste jedes Kind um den „Mythos von Langemarck“ (damals noch mit „ck“ geschrieben). Der war am Beginn des Ersten Weltkriegs entstanden. Am 4. August 1914 hatte Deutschland das eigentlich neutrale Belgien überfallen; der größte Teil des Landes wurde besetzt, nur der Süden Flanderns blieb Frontgebiet zwischen alliierten und deutschen Truppen. Volle vier Jahre lang verlief die Frontlinie durch das Gebiet der Gemeinde Langemarck. Am 10. November 1914 starteten die Deutschen dort im Rahmen der sogenannten Ersten Flandernschlacht einen erfolglosen Angriff, der rund 2.000 deutsche Soldaten das Leben kostete, darunter viele junge Kriegsfreiwillige. Das hielt die Oberste Deutsche Heeresleitung nicht davon ab, am folgenden Tag folgende Siegesmeldung zu verkünden, die dann fast alle deutschen Zeitungen auf ihren Titelseiten abdruckten: „Westlich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesange ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ gegen die erste Linie der feindlichen Stellungen vor und nahmen sie. Etwa 2000 Mann französischer Linieninfanterie wurden gefangengenommen und sechs Maschinengewehre erbeutet.“
Das war die Geburtsstunde des Langemarck-Mythos, eine der folgenschwersten Fake-News-Geschichten des 20. Jahrhunderts. Schon im Ersten Weltkrieg selbst und in der Weimarer Republik wurde der Tod der jungen Soldaten als „Opfergang“ verherrlicht. Vor allem von der nationalistischen Rechten, aber auch in Schulen und Universitäten, wurden „Langemarckfeiern“ zu Ehren der Gefallenen organisiert. Im Nationalsozialismus entwickelte sich der Mythos dann zum Staatskult und zu einem wichtigen Propagandamotiv der nationalsozialistischen Erziehungsideologie, für die er mit seinen Topoi „Krieg“, „Opfer“ und „Nation“ ideale Anknüpfungspunkte bot. Langemarck-Straßen, Langemarck-Schauspiele, Langemarck-Stipendien, Langemarck-Schulen und eine SS-Division „Langemarck“ machten den Namen des kleinen belgischen Ortes omnipräsent – auch in Westfalen.
Langemarck-Erinnerung in Westfalen
In mindestens elf westfälischen Städten wurden Straßen nach dem Ort benannt – zwei davon tragen diesen Namen noch immer: in Münster und Gelsenkirchen.
Bis heute sichtbar ist auch das Langemarck-Denkmal am Gymnasium Dionysianum in Rheine. Es wurde 1934 errichtet, um die im Ersten Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Schule zu ehren. Das nach einem Entwurf des münsterischen Bildhauers Albert Mazzotti gestaltete rund zweieinhalb Meter hohe Denkmal zeigt auf der Vorderseite ein Halbrelief mit zwei nackten Figuren, einem Trommler und einem offenbar sterbenden Schwertträger, und darunter das Wort „Langemarck“.
Auf der Rückseite finden sich die Namen von 55 Schülern und zwei Lehrern mit ihren Sterbeorten und darunter der Spruch: „Wir starben für Euch, klagt nicht, kämpft!“ Zur Einweihung im Oktober 1934 kam mit SA-Stabschef Viktor Lutze ein höchst prominenter Ehrengast. Er war ehemaliger „Dionysianer“, hatte die Schule aber ohne Abitur verlassen. Nach 1945 wurde ein Hakenkreuz aus dem Denkmal entfernt und es selbst mehrfach umgesetzt, es blieb aber erhalten.
Zwei Jahre nach der Denkmalaufstellung im münsterländischen Rheine wurde im ostwestfälischen Haldem bei Lübbecke gleich eine ganze Schule nach dem Weltkriegsmythos benannt, die westfälische „Jungvolkführerschule Langemarck“.
In der auf Initiative von Landeshauptmann Karl-Friedrich Kolbow, damals Chef der Provinzialverwaltung Westfalen (dem heutigen LWL), errichteten Ausbildungsstätte sollte der Führungsnachwuchs des westfälischen „Jungvolks“, also der 10-14-jährigen Hitlerjungen, geschult werden. Seit Sommer 1936 wurden in dem umgebauten Rittergut fortlaufend rund 120 Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren zusammengezogen, um aus ihnen – wie es zeitgenössisch hieß - „stahlharte Kerle“ zu machen, „die ihren Körper jederzeit in fester Zucht haben, junge Führer, denen die Weltanschauung Adolf Hitlers höchstes Lebensgesetz wurde.“1 Paramilitärische Rituale und Drill durchzogen praktisch den gesamten Tagesablauf.
1 So Leopold Bubenzer: Westfalens Jungvolkführerschule, in: Unsere Fahne 3 (1936), S. 105f. Bubenzer war Leiter des Landesjugendamts Westfalen.
In der Bildarchiv-Datenbank des LWL-Medienzentrums finden sich unter dem Stichwort „Langemarck“ neben einem Propagandagemälde, das den Sturmangriff von 1914 heroisierend in Szene setzt (s. Abb. 1) rund zwanzig historische Fotografien, die das Äußere und Innere von Schloss Haldem nach seinem Umbau zur Schulungsstätte 1935/36 zeigen: u.a. das Eingangstor, den Appellplatz, Schulungsräume, Speisesaal, Lese- und Musikzimmer, Turnhalle, Duschraum und „Ehrenhalle“. Einige der Bilder vermitteln einen Eindruck davon, wie der Langemarck-Mythos in der Schule inszeniert und instrumentalisiert wurde.
Schon über dem Eingangsportal des Gebäudes wurden die Ankommenden mit den Worten „Treu leben, todtrotzend kämpfen, lachend sterben“ empfangen.
Den weltanschaulichen Mittelpunkt der Schule bildete eine pseudosakrale „Ehrenhalle“. In diesem fahnengeschmückten Raum lagen auf klobigen Eichentischen Helme, Geschosse und andere Relikte des Ersten Weltkriegs, die angeblich von westfälischen HJ-Führern in Flandern ausgegraben worden waren.
Ein weiteres Foto zeigt Stellvertreter des Reichsjugendführers von Schirach, HJ-Stabsführer Hartmann Lauterbacher, bei seiner Eröffnungsrede der Gebietsführerschule am 29. August 1936.
„Missbrauchte Geschichte oder gemeinsames Gedenken?“ Ein Ausstellungsprojekt
Während das alte Rittergut in Ostwestfalen seit 1959 als Suchtklinik des LWL dient, befindet sich in Langemark selbst heute der meistbesuchte deutsche Soldatenfriedhof des Ersten Weltkriegs. Er gehört seit 2023 zu den UNESCO-Welterbestätten der Gedenkorte und Friedhöfe des Ersten Weltkriegs in Belgien und Frankreich. Seit 2022 ist „Langemarck“ Ausgangspunkt eines internationalen Erinnerungs- und Friedensprojekts der Gemeinde Langemark-Poelkapelle, des In Flanders Fields Museum in Ieper und der University of Kent.
Eine in diesem Rahmen entstandene dreisprachige Wanderausstellung informiert unter der Leitfrage „Missbrauchte Geschichte oder gemeinsames Gedenken?“ über die Entstehung und Entwicklung des „Langemarck-Mythos“. Außerdem präsentiert sie Ergebnisse der deutschlandweiten Initiative „Langemarckstraße“. Diese untersucht, wo und wie der Mythos bis heute im öffentlichen Raum nachwirkt. Die wissenschaftliche Verantwortung für das Projekt trägt übrigens ein Westfale: Dr. Stefan Goebel, Direktor des „Centre for the History of War, Media and Society“ an der University of Kent und Kurator der Ausstellung, ist in Münster aufgewachsen.
Dort in Münster machte die Ausstellung vom 11.-25. September 2026 Station. Dafür wurde die existierende Wanderausstellung eigens durch Informationstafeln zum Langemarck-Kult in Westfalen sowie zum Friedensprojekt der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen ergänzt. Mit einem informativen Begleitprogramm lud ein breites Bündnis von Veranstaltern, darunter das LWL-Medienzentrum, dazu ein, sich mit der Entstehung und Wirkung des Propagandamythos von Langemarck und dessen Erinnerungsspuren bis in die Gegenwart auseinanderzusetzen. Regionale Partner waren die Bezirksregierung Münster, das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, das Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen, die Regionalgruppe Münsterland des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ sowie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. in Westfalen-Lippe.
Bei der Eröffnung am 11.9.2026 in der Bürgerhalle der Bezirksregierung Münster stellten unter anderem Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Berger Feld ihr Projekt vor.
Kontakt:
Markus Köster, markus.koester@lwl.org