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Wie entsteht aus regionalen Quellen Unterrichtsmaterial?

26.10.2026 Eyline Hinrichs

Ein „How to EDU“ am Beispiel des Magazinbeitrags zur Aufklärung in Westfalen

Aufklärung und Katholizismus – passt das überhaupt zusammen? Am Beispiel des „Münsterschen Kreises“ zeigt sich, wie aufklärerische Ideen auch abseits der großen revolutionären Zentren aufgegriffen und mit Religion und moralischer Bildung verbunden wurden. Was das über die Aufklärung im Münsterland verrät und wie sich regionalgeschichtliche Quellen im Unterricht einsetzen lassen, zeigt ein neuer Magazinbeitrag auf EDU_Westfalen.

Doch wie entsteht eigentlich ein solcher Beitrag? Wo findet man geeignete Quellen zur Regionalgeschichte, wie werden sie miteinander verknüpft – und wie wird daraus schließlich Material, das Lehrkräfte unmittelbar im Unterricht einsetzen können? Ein Blick hinter die Kulissen zeigt den Weg von der ersten Idee über die Recherche bis zur didaktisch aufbereiteten Unterrichtssequenz.

Geschichte vor der eigenen Haustür: EDU_Westfalen

EDU_Westfalen ist eine Onlineplattform des LWL-Medienzentrums für Westfalen, die mit Förderung des Ministeriums für Schule und Bildung NRW und der LWL-Kulturstiftung entwickelt wurde. Sie stellt historische Quellen und weitere Lernmaterialien aus Bildungs- und Kultureinrichtungen in Westfalen-Lippe für den Unterricht zur Verfügung.

Die Idee dahinter ist einfach: Viele Themen, die Schülerinnen und Schüler aus dem Geschichtsunterricht kennen, haben nicht nur in Paris, Berlin oder Washington stattgefunden. Historische Entwicklungen hinterließen auch in Westfalen ihre Spuren – manchmal sogar unmittelbar vor der eigenen Haustür. Gerade solche Bezüge zur Lebenswelt und zur eigenen Region bieten die Möglichkeit, die in den Kernlehrplänen angelegten Gegenwarts- und Lebensweltbezüge konkret werden zu lassen. Schülerinnen und Schüler können dadurch bekannte historische Prozesse aus einer neuen Perspektive betrachten und zugleich entdecken, welche Quellen sich in Museen, Archiven, Bibliotheken und Sammlungen ihrer Region erhalten haben.

Auf EDU_Westfalen werden diese Materialien digital zusammengeführt, historisch eingeordnet und für den Unterricht erschlossen. Neben einzelnen Lernressourcen entstehen im Magazin auch größere thematische Zusammenstellungen und Unterrichtssequenzen. Der Beitrag „Der Münstersche Kreis – Aufklärung in Westfalen“ ist ein Beispiel dafür.

Von Iserlohn nach Münster: Aufklärung regional erzählen

Das Thema Aufklärung war auf EDU_Westfalen bisher nur kaum vertreten: Eine Iserlohner Tabakdose aus dem 18. Jahrhundert trägt einen ausdrücklich aufklärerischen Text. Als Alltags- und Luxusgegenstand macht sie sichtbar, dass Vorstellungen von Vernunft und geistiger Freiheit nicht allein Gegenstand philosophischer Schriften waren, sondern ihren Weg in die Lebenswelt der Menschen fanden.

Für den neuen Magazinbeitrag sollte eine andere Seite der regionalen Aufklärung in den Mittelpunkt rücken. Im Unterricht erscheint die Aufklärung häufig vor allem als geistige Voraussetzung großer politischer Umbrüche – insbesondere der Amerikanischen und der Französischen Revolution. Doch wie sah Aufklärung in einer Region aus, in der keine Revolution stattfand und die zugleich stark religiös geprägt war?

Damit rückte Münster in den Blick. Die Stadt war im späten 18. Jahrhundert ein bedeutender Ort der katholischen Aufklärung. Um Persönlichkeiten wie Franz von Fürstenberg und Fürstin Amalie von Gallitzin entstand ein Netzwerk aus Geistlichen, Adeligen, Gelehrten, Schriftstellern und Bildungsreformern, das später als „Kreis von Münster“ bekannt wurde.

Aufklärung im katholischen Münster?

Gerade Münster eignet sich dazu, ein zunächst einfach erscheinendes Bild der Aufklärung zu hinterfragen. Kritik an kirchlicher Autorität, religiöser Intoleranz und überlieferten Wahrheiten gehörte zu zentralen Elementen aufklärerischen Denkens. Im katholisch geprägten Fürstbistum Münster führte dies jedoch nicht zwangsläufig zu einer Abkehr von Religion.

Franz von Fürstenberg verband seine Reformvorstellungen vielmehr ausdrücklich mit dem christlichen Glauben. Bildung sollte vernünftiges Denken und empirische Erkenntnis fördern, zugleich aber auch moralische und religiöse Erziehung umfassen. Fürstenberg sprach von einer „aufgeklärten Religion“ und verband diese unter anderem mit Toleranz, Menschenliebe und der Ablehnung religiösen Fanatismus. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Aufklärung und Katholizismus wird dadurch zu einer historischen Frage, die sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten lässt.

Genau diese Spannung bildet den Ausgangspunkt des Magazinbeitrags: Inwiefern stehen die Aufklärung im Münsterland und der dort vorherrschende Katholizismus im Widerspruch oder im Einklang?

Der regionale Bezug ist dabei bis heute sichtbar. Fürstenbergs Name begegnet uns in Münster etwa am Fürstenberghaus der Universität am Domplatz; auch Straßennamen erinnern an Mitglieder des Kreises. Gallitzin, Overberg, Sprickmann oder Stolberg sind damit nicht nur Namen aus dem Geschichtsbuch, sondern Teil der lokalen Erinnerungskultur.

Schritt 1: Quellen suchen

Am Anfang des Beitrags stand die Suche nach Quellen, mit denen sich diese besondere Ausprägung der Aufklärung möglichst konkret nachvollziehen lässt.

Ein wichtiger Ausgangspunkt waren gedruckte Briefsammlungen in den Beständen der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Besonders ergiebig war die Edition Der Kreis von Münster. Briefe und Aufzeichnungen Fürstenbergs, der Fürstin Gallitzin und ihrer Freunde. Der erste Teil umfasst Briefe und Aufzeichnungen aus den Jahren 1769 bis 1788. Die Edition ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in das Netzwerk und die Gedankenwelt der beteiligten Personen.

Dabei führte die Recherche von Münster nach Hamburg: Ein für das Thema besonders aufschlussreicher Brief Fürstenbergs an den Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock ist über das Portal „Hamburger Kulturgut Digital“ der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg als Digitalisat zugänglich. In ihm erläutert Fürstenberg sein Bildungsideal und verbindet Religion, Moral, Wissenschaft und vernünftiges Denken miteinander. Für die Unterrichtssequenz wurde der Brief deshalb zu einer zentralen Quelle.

Die Recherche zeigt damit bereits einen wichtigen Punkt für die Arbeit mit Regionalgeschichte: Nicht jede Quelle zur Geschichte Westfalens liegt auch in Westfalen. Digitale Sammlungen ermöglichen es heute, verstreute Bestände wieder miteinander in Beziehung zu setzen.

Schritt 2: Vorhandene LWL-Ressourcen neu zusammendenken

Nicht alles musste jedoch neu recherchiert oder digitalisiert werden. Das Gemälde Der Kreis von Münster – Die Fürstin von Gallitzin im Kreis ihrer Freunde auf dem Landsitz in (Münster-)Angelmodde von Theobald von Oer war bereits im Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ des LWL erschlossen.

Das 1863/64 entstandene Historiengemälde zeigt eine idealisierte Zusammenkunft des Kreises um 1800. Die dargestellte Szene hat in dieser Form nie stattgefunden. Gerade deshalb ist das Bild besonders interessant: Neben Adeligen, Gelehrten und Geistlichen ist im Hintergrund deutlich ein Kruzifix zu erkennen. Das Gemälde bringt damit Aufklärung und Katholizismus buchstäblich in einem Bildraum zusammen.

Für EDU_Westfalen bedeutete die Arbeit an dieser Stelle also nicht, eine bislang unbekannte Quelle zu entdecken. Vielmehr ging es darum, eine bereits vorhandene Ressource in einen neuen Zusammenhang einzuordnen und daraus einen konkreten Zugang für den Unterricht zu entwickeln. Aus einem digitalisierten Gemälde wird so der Einstieg in eine problemorientierte Unterrichtssequenz.

Schritt 3: Von einem Brief zur Schulordnung

Während der Beschäftigung mit Fürstenbergs Brief ergab sich eine weitere Spur. Seine Überlegungen zu Bildung, Religion und Unterricht ließen sich mit einem konkreten Reformprojekt verbinden: der Schulordnung von 1776.

Ein Digitalisat der Schulordnung war bereits über die Universitäts- und Landesbibliothek Münster zugänglich. Für eine direkte Verwendung im Unterricht fehlte jedoch eine gut nutzbare Textfassung. Deshalb wurde das historische Druckbild zunächst mithilfe digitaler Texterkennungs- und KI-gestützter Verfahren erschlossen und das Ergebnis anschließend sorgfältig am Original überprüft und manuell korrigiert.

Dieser Arbeitsschritt ist für digitale Bildungsangebote entscheidend. Ein Digitalisat macht eine historische Quelle zwar zugänglich – aber noch nicht automatisch unterrichtstauglich. Erst die Transkription ermöglicht es, relevante Passagen auszuwählen, sie durchsuchbar zu machen und unterschiedliche Fassungen für verschiedene Lerngruppen zu erstellen.

Noch wichtiger war aber die inhaltliche Verbindung der beiden Quellen: Im Brief formuliert Fürstenberg Vorstellungen über Bildung und „aufgeklärte Religion“. Die Schulordnung zeigt anschließend, wie sich solche Ideen in konkrete Vorgaben für Unterricht und Erziehung übersetzten. Aus zwei zunächst getrennten Dokumenten entsteht so eine historische Fragestellung: Wie setzte Fürstenberg seine aufklärerischen Vorstellungen praktisch um?

Schritt 4: Aus Quellen wird eine Unterrichtssequenz

Mit der Auswahl der Quellen war die Arbeit deshalb noch nicht abgeschlossen. Die entscheidende Frage lautete nun: Wie lassen sich Gemälde, Brief und Schulordnung so miteinander verbinden, dass Schülerinnen und Schüler nicht lediglich Informationen entnehmen, sondern selbst ein historisches Problem untersuchen?

Den Einstieg bildet das Gemälde von Theobald von Oer. In einem interaktiven H5P-Modul können die dargestellten Personen näher erschlossen werden. Dabei begegnen den Schülerinnen und Schülern Geistliche, Adelige, Schriftsteller und Bildungsreformer. Zugleich sorgt das Kruzifix im Hintergrund für ein bewusstes Irritationsmoment: Wie passt dieses ausdrücklich katholische Umfeld zum Thema Aufklärung?

Aus dieser Beobachtung lässt sich die übergeordnete Problemfrage entwickeln: Inwiefern stehen Aufklärung und Katholizismus im Münsterland im Widerspruch oder im Einklang?

Anschließend wird Fürstenbergs Brief an Klopstock untersucht. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten heraus, was er unter „aufgeklärter Religion“ versteht und welche Rolle Vernunft, Wissenschaft, Moral, Toleranz und Bildung in seinen Vorstellungen spielen. Im nächsten Schritt wird die Schulordnung von 1776 hinzugezogen. Nun lässt sich überprüfen, ob und wie die zuvor formulierten Ideen Eingang in die schulische Praxis fanden.

Ein Thema – unterschiedliche Zugänge

Eine besondere Herausforderung historischer Quellen liegt in ihrer Sprache. Ein Brief oder eine Schulordnung des 18. Jahrhunderts kann für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II eine produktive Herausforderung darstellen, für jüngere Lerngruppen aber schnell zu einer unnötigen sprachlichen Hürde werden.

Deshalb stehen die Textquellen in unterschiedlichen Fassungen zur Verfügung. Neben dem originalen Wortlaut gibt es gekürzte und sprachlich vereinfachte Versionen. So kann dasselbe historische Material je nach Lerngruppe unterschiedlich eingesetzt werden. Für die Sekundarstufe II ist eine drei- bis vierstündige Sequenz mit den Originalquellen vorgesehen. In der Sekundarstufe I kann bereits das Gemälde als regionale Vertiefung zur Französischen Revolution und zur Aufklärung dienen; bei Bedarf können die vereinfachten Textquellen hinzugenommen werden.

Die didaktische Aufbereitung verändert dabei nicht das historische Problem. Unabhängig vom sprachlichen Niveau beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit derselben grundlegenden Frage nach dem Verhältnis von Vernunft, Religion und Bildung.

Regionalgeschichte als Perspektivwechsel

Am Ende der Recherche stand damit nicht einfach eine Sammlung von Quellen zur Geschichte Münsters. Gemälde, Brief und Schulordnung ergänzen sich zu einer Unterrichtssequenz, die eine vertraute historische Erzählung erweitert.

Die Aufklärung erscheint darin nicht nur als Vorgeschichte der Revolutionen in Amerika und Frankreich. Am Beispiel Münsters wird sichtbar, dass ihre Ideen regional sehr unterschiedlich aufgenommen werden konnten. Im katholischen Westfalen bedeutete Aufklärung nicht zwangsläufig die Abkehr von Religion. Bei Fürstenberg konnten Vernunft, empirisches Wissen, religiöse Überzeugung, moralische Erziehung und gesellschaftlicher Nutzen vielmehr Bestandteile desselben Bildungsprogramms sein.

Und genau darin liegt der Mehrwert regionalgeschichtlicher Quellen: Sie machen große historische Entwicklungen konkret, können vermeintliche Gewissheiten irritieren und zeigen Schülerinnen und Schülern, dass Geschichte nicht nur an weit entfernten Orten stattgefunden hat.

Manchmal beginnt der Weg zu einer solchen Geschichte mit einer bekannten historischen Persönlichkeit. Manchmal mit einem Brief in einer Bibliothek. Und manchmal mit einem Kruzifix im Hintergrund eines Gemäldes.