Zwischen Fabrikhalle und Familienalltag
Fotografien aus dem Bildarchiv des LWL-Medienzentrums erzählen von der Arbeitswelt westfälischer Frauen im Wandel des 20. Jahrhunderts.
Frauen haben immer gearbeitet – neu war seit dem späten 19. Jahrhundert jedoch, dass diese Arbeit zunehmend sichtbar wurde.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlagerte sich der Arbeitsbereich vieler Frauen von überwiegend unbezahlter Haus- und Care-Arbeit sowie informeller Arbeit im und um den Haushalt hin zu sichtbarer Erwerbsarbeit. Damit veränderte sich auch der Stellenwert von Arbeit im Leben vieler Frauen. Erwerbstätigkeit wurde häufiger zu einem zentralen Bezugspunkt von Identität und sozialer Teilhabe, auch wenn gesellschaftliche Normen, die Frauen primär über ihre Rolle als Ehefrauen und Mütter definierten, fortbestanden.
Dieser Wandel stand häufig in engem Zusammenhang mit größeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüchen. Industrialisierung, Weltkriege und Krisenzeiten eröffneten Frauen neue Möglichkeiten, Tätigkeiten zu übernehmen, Qualifikationen zu erwerben und sich in unterschiedlichen Berufsfeldern zu etablieren. Die folgenden Beispiele, basierend auf Fotografien aus dem Bildarchiv des LWL-Medienzentrums für Westfalen, beleuchten einige Arbeitsbereiche in Westfalen, in denen Frauen Möglichkeiten fanden, sich beruflich zu entfalten.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel weiblicher Arbeitswelten in der Textilindustrie. Mit der Industrialisierung wurde die Textilfabrik zu einem der wichtigsten Arbeitsorte für Frauen, speziell im nördlichen und östlichen Westfalen. Zwar waren Frauen bereits seit der Römerzeit in der Leinenproduktion tätig, meist jedoch im eigenen Haushalt. Erst die Industrialisierung des Herstellungsprozesses eröffnete ihnen in größerem Umfang den Zugang zur Fabrikarbeit. Zugleich wurde die Tätigkeit durch Mechanisierung qualitativ abgewertet. Die Maschinen konnten von angelernten Kräften bedient werden; Männer räumten diese als „Hilfsarbeiten“ geltenden Tätigkeiten vielfach freiwillig und beanspruchten stattdessen Positionen als Mechaniker oder Aufseher. Frauen arbeiteten daher meist angelernt und häufig nur bis zur Heirat. Die saubere und geordnete Szenerie des Fotos täuscht jedoch über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen hinweg: Staub, Lärm, Hitze, lange Arbeitstage und niedrige Löhne prägten den Alltag in den Spinnsälen.
Während des Ersten Weltkriegs entstand durch die Mobilisierung der Männer ein akuter Arbeitskräftemangel, der Frauen neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnete. Auch die Recklinghäuser Straßenbahn war davon betroffen und warb ab 1915 Frauen für den Schaffnerdienst an. Am 15. Mai desselben Jahres schlossen die ersten Frauen ihre (offenbar sehr kurze) Ausbildung ab. In Recklinghausen wurden Frauen zudem an Gleisanlagen und zum Bau neuer Strecken nach Marl and Langenbochum eingesetzt. Strukturell veränderte sich die gesellschaftliche Einschätzung der Frauenrolle jedoch kaum, auch wenn die Erfahrung wirtschaftlicher Selbstständigkeit das Selbstbewusstsein vieler Frauen nachhaltig stärkte. Die Kriegswirtschaft bedeutete weniger einen generellen Anstieg weiblicher Erwerbsarbeit als vielmehr eine Neuverteilung bestehender Arbeitsplätze. Frauen rückten als zeitweilige Ersatzarbeitskräfte in freigewordene Männerstellen nach, meist als Hilfsarbeiterinnen und häufig ohne qualifizierte Ausbildung. Ihr verstärkter Einsatz blieb provisorisch, nach 1918 wurde vielfach die Rückkehr ins Privatleben erwartet.
Neben großen gesellschaftlichen Entwicklungen eröffneten sich für einige Frauen auch individuelle Möglichkeiten, berufliche Karrieren einzuschlagen. Als Tochter eines Bonner Maschinenfabrikanten sollte Elisabeth „Liesel“ Bach eigentlich Schneiderin werden. Sie entschied sich jedoch anders: Statt Nadel und Faden wählte sie den Sport, ließ sich zur Turn- und Sportlehrerin ausbilden und entdeckte schließlich ihre Leidenschaft für das Fliegen. Gleichzeitig bekannte sie sich öffentlich zum Nationalsozialismus und trat unter anderem bei der Olympiade 1936 in Berlin auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschen das Fliegen zunächst untersagt, weshalb Liesel Bach Anfang der 1950er Jahre nach Indien ging. Dort gewann sie erneut Kunstflugwettbewerbe und setzte 1951 noch einen drauf, als sie als erste Frau mit einem Motorflugzeug das Himalaya-Gebirge überquerte. Damit festigte sie ihren Ruf als Ausnahmeerscheinung in einem männlich dominierten Berufsfeld.
Während solche Ausnahmen möglich waren, blieb der Alltag vieler Frauen weiterhin stark von traditionellen Arbeitsformen geprägt. Neben Kindererziehung und Haushalt versorgten die Frauen in ländlichen Regionen Tiere und arbeiteten auf dem Feld. Nach 1933 kritisierte das nationalsozialistische Regime zwar die hohe Belastung der Bäuerinnen und propagierte die technische Modernisierung. Ziel war jedoch nicht in erster Linie eine Entlastung der Frauen, sondern die stärkere Ausrichtung auf ihre Rolle als Mutter und Erzieherin im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärfte sich die Situation erneut, da eingezogene Männer fehlten und die Sicherung der Ernährung zunehmend zur Aufgabe von Frauen und Zwangsarbeitern wurde, die die Männer an der Front ersetzen mussten.
Auch in anderen Bereichen zeigt sich, wie stark weibliche Arbeit nach dem Kriegsende zwischen Tradition und Wandel stand. Die Geschichte der Hebamme ist zugleich die Geschichte eines Kampfes um berufliche Anerkennung. Seit dem 17. Jahrhundert wurde das Wissen der Hebammen schrittweise professionalisiert. Mit Lehrbüchern wie dem von Justine Siegemund aus dem Jahr 1690 begann auch im deutschsprachigen Raum die systematische Verschriftlichung geburtshilflichen Wissens. Zugleich griff die akademische, männlich dominierte Medizin zunehmend in das zuvor weiblich geprägte Feld von Schwangerschaft und Geburt ein. Zwischen Erfahrungswissen und ärztlichem Anspruch entstand ein Spannungsfeld, in dem Hebammen um fachliche Autorität und institutionelle Gleichstellung kämpften. Erst 2023 wurde der Beruf vollständig akademisiert.
Die Tätigkeit in der Verwaltung steht exemplarisch für den langsamen Wandel weiblicher Erwerbsarbeit in der frühen Bundesrepublik. Erst mit der Reform des Ehe- und Familienrechts von 1958 durften Frauen ohne Zustimmung ihres Ehemanns arbeiten. Zudem waren berufstätige Frauen weiterhin von Lohndiskriminierung betroffen: Ende der 1950er Jahre verdienten Frauen bei gleicher Arbeit durchschnittlich nur 61 Prozent des Lohns ihrer männlichen Kollegen. Während in der DDR das Recht auf Erwerbsarbeit verfassungsrechtlich verankert war, dominierte in der Bundesrepublik weiterhin das Leitbild der Ehefrau und Mutter. Erwerbstätigkeit galt häufig lediglich als Übergangsphase und konzentrierte sich vor allem auf Verwaltungs-, Textil- und Dienstleistungsberufe.
Mit dem Strukturwandel im Ruhrgebiet verschoben sich diese Entwicklungen erneut. Strukturwandel bedeutete nicht nur den Übergang von der Montanindustrie zu neuen Wirtschaftszweigen, sondern auch eine Veränderung der Arbeitswelt, in der die Erwerbstätigkeit von Frauen zunehmend selbstverständlich wurde. Das Opel-Werk entstand 1961 auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dannenbaum und steht exemplarisch für diesen Wandel. Während Zechen stillgelegt wurden, sollte das neue Automobilwerk Arbeitsplätze schaffen. Bereits 1964 beschäftigte Opel in Bochum rund 11.600 Menschen, von denen jedoch nur etwa 20 Prozent aus dem Bergbau kamen. Frauen waren in der Autoindustrie deutlich stärker vertreten als im Bergbau, wo ihnen die Arbeit unter Tage untersagt war. Der Strukturwandel eröffnete Frauen damit im Ruhrgebiet neue Erwerbsmöglichkeiten.
Gleichzeitig entstanden dort auch außerhalb der Industrie neue Formen weiblicher Erwerbsarbeit. Die ersten Trinkhallen entstanden Mitte des 19. Jahrhunderts in Industriestädten, ursprünglich um Bergarbeiter mit Mineralwasser zu versorgen und vom Konsum alkoholischer Getränke abzuhalten. Mit der Zeit wuchs das Sortiment und damit auch die gesellschaftliche Bedeutung der Buden. Besonders nach den Weltkriegen boten sie Kriegerwitwen, Versehrten und anderen sozial benachteiligten Menschen eine Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu sichern. Für viele Frauen bedeutete die Trinkhalle eine Chance auf wirtschaftliche Eigenständigkeit. Bis heute werden zahlreiche Buden als Familienunternehmen geführt, inzwischen häufig auch von Zuwandererfamilien.
Diverse Arbeitsbereiche in Westfalen verdanken ihr Bestehen und Wachstum maßgeblich der Arbeit von Frauen. Gerade in Zeiten von Umbruch und Krise übernahmen Frauen Verantwortung, sicherten Einkommen und hielten Gemeinschaften zusammen. Im Laufe des 20. Jahrhunderts konnten sich Frauen zwar zunehmend als Berufstätige und eigenständige Individuen außerhalb des Hauses etablieren. Gleichzeitig bestehen aber viele der alten Ungleichheiten bis heute fort, von Lohndiskriminierung und eingeschränktem Zugang zu bestimmten Berufsfeldern bis hin zur erneuten stärkeren Gewichtung ihrer Rollen als Ehefrauen und Mütter im 21. Jahrhundert.