Wie verändern Künstliche Intelligenz und Soziale Medien die Gesellschaft und Demokratie?
Ein Tagungsbericht
Die Tagung „Künstliche Intelligenz und Entgrenzung der sozialen Medien – Herausforderungen für Demokratie, Gesellschaft und politische Bildung“, die im November 2025 als Herbsttagung der „Deutschen Vereinigung für politische Bildung“ im idyllisch gelegenen Butenschoen-Haus in Landau stattfand, war angesichts der Aktualität und Relevanz des Themas frühzeitig ausgebucht.
Das verwundert nicht: Demokratie als „Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform“ (Himmelmann 2016) wird in Deutschland und weltweit infrage gestellt und aktiv angegriffen. Im Kontext der Diskussion finden die Rolle der Sozialen Medien und die ideologische Instrumentalisierung Künstlicher Intelligenz besondere Beachtung. Welche Herausforderungen stellen sich vor diesem Hintergrund für Demokratie, Gesellschaft und politische Bildung?
Dieser Frage widmeten sich die Referierenden und Teilnehmenden aus der schulischen und außerschulischen politischen Bildung, der Bildungspraxis sowie aus den fachwissenschaftlichen Bezugsdisziplinen. Den Rahmen bildeten dabei vier einleitende Keynotes, die aus ihrer jeweiligen Forschungslogik heraus aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Tagungsthema sahen.
Was ist und kann Künstliche Intelligenz?, fragte Prof. Leo van Waveren (RPTU Kaiserslautern) aus der Perspektive der Informatik. Wichtig sei eine Versachlichung der medialen Debatte. Während KI im medialen Diskurs entweder als Weltuntergang oder als Allheilmittel dargestellt werde, sei sein Anliegen die „Entmystifizierung“ von Künstlicher Intelligenz. Schließlich handele es sich, so führte er in Bezug auf die Definition des Europäischen Parlaments aus, bei KI um die „Fähigkeit einer Maschine, (…) menschliche Fähigkeiten zu imitieren“, ohne dass die KI diese Fähigkeiten selbst erlerne. Für die Qualität der Ergebnisse ist es zentral, auf welche Daten das jeweilige Modell Zugriff hat. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 gehören dazu zunehmend auch Texte und Medien, die von Künstlicher Intelligenz selbst erstellt wurden. Ob die Qualität der KI-Ergebnisse aufgrund dieser Entwicklung in Zukunft sinke, sei eine offene Forschungsfrage.
Prof. Dr. Stephan Winter (Professor für Medienpsychologie an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau) widmete sich aus medienpsychologischer Perspektive der Frage: Wie wirken Social Media und KI aus psychologischer Sicht auf Individuen und Kollektive? Er machte deutlich, wie herausfordernd es für die medienpsychologische Forschung ist, „echte“ Medienwirkungen von Social Media und KI nachzuweisen. Als wissenschaftlich gut belegtes Beispiel führte er das Online-Dating an, bei dem sich Nutzerinnen und Nutzer in Bezug auf Gewicht und Größe positiver darstellten, als es der Realität entspreche. Dieser Zusammenhang trete aber auch jenseits von Dating-Plattformen wissenschaftlich auf, sodass es sich um ein Phänomen handle, das durch Social Media verstärkt, jedoch nicht verursacht werde. Auch auf anderen Feldern gibt es Hinweise, dass Social Media als Verstärker wirkt. Besonders im Fokus des wissenschaftlichen Interesses steht laut Winter die Verstärkung negativer Körperbilder bei Mädchen im pubertären Alter.
Die Wirkung von Social Media war auch Thema der Keynote von Prof.in Dr.in Judith Möller. Die wissenschaftliche Direktorin des Leibniz-Instituts für Medienforschung / Hans-Bredow-Instituts untersuchte in ihrem Eröffnungsvortrag aus der Perspektive der Medienforschung die Frage: (Wie) wirkt Social Media auf Wahlentscheidungen und politische Regierungssysteme? Die überraschende Antwort gab sie gleich zu Beginn des Vortrags: Nach aktuellem Stand der Forschung könnten nur zwei bis drei Prozent des Wahlverhaltens durch Social Media erklärt werden. In den anschließenden Ausführungen wurde jedoch deutlich, warum die Wirkung dennoch nicht zu vernachlässigen ist. Möller sieht unter anderem mit Sorge, dass auf Social Media auch Menschen mit nachweislich abwegigen Theorien, wie dem Glauben an Aliens auf der Erde, statt einer Korrektur ein verstärkendes Forum fänden. Bei ausreichender Reichweite auf Social Media werde das Phänomen dann durch traditionelle Medien aufgegriffen, was die Glaubwürdigkeit abermals erhöhe. Judith Möller widmete sich darüber hinaus auch dem Bereich der politischen Desinformation. Zwar sei die Wirkung einer einzelnen Desinformation gering, allerdings liege das Problem im generellen Zweifel an Glaubwürdigkeit sowie am abnehmenden Interesse an Nachrichten, was auch der Reuters Institute Digital News Report belege, für den Möller die wissenschaftliche Verantwortung trägt. Als zentrale Aufgabe beschrieb sie daher den Schutz des Mediensystems, das die „Infrastruktur“ für die Gesellschaft darstelle und die Basis für die politische Urteilsfähigkeit in der Demokratie bilde.
Prof. Dr. Thorsten Thiel (Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt) nahm in seiner Betrachtung aus politikwissenschaftlicher Perspektive die Frage „Digitalisierung – Eher problematisch oder eher unterstützend für die Demokratie?“ auf und beleuchtete, wie demokratische Digitalpolitik zum Schutz der Demokratie beitragen kann. Anknüpfend an Judith Möller blickte Thiel mit Sorge auf den Verlust von Autorität und Legitimität von Quellen sowie auf das damit bewusst herbeigeführte Gefühl in der Bevölkerung, Fakten und Fiktion zunehmend schlechter unterscheiden zu können. Zugleich beklagte er eine Schwächung der pluralistischen Informationslandschaft. Geld verdiene heute insbesondere, wer die Kontrolle über die digitalen Plattformen habe; diejenigen, die Informationen recherchierten, verdienten dagegen weniger. Ein prägnantes aktuelles Beispiel ist die KI-Zusammenfassung, die Google inzwischen über dem ersten Treffer der Suche liefert, was dazu führe, dass Menschen u.a. seltener die Wikipedia-Webseite aufrufen, deren Artikel häufig eine zentrale Grundlage der Zusammenfassungen seien. Thiel, der auch Experte für die technikgläubige Ideologie des Silicon Valley ist, plädiert für eine demokratische Digitalpolitik, die den Schutz der Demokratie ermöglicht, Veränderungsmöglichkeiten aufzeigt und die Zivilgesellschaft aktiv beteiligt.
Betrachtet man die Keynotes und die vertiefenden Workshops im Zusammenhang, wird die Größe und Bedeutung der Aufgabe deutlich, vor der demokratische Gesellschaften stehen, um ihre mediale Infrastruktur zu schützen. Daher bestand unter den Teilnehmenden große Einigkeit darüber, dass eine effektive Regulierung von Plattformen stärker Teil der politischen Debatte werden sollte, um demokratische Grundrechte langfristig zu schützen. Denn wie Prof. Thorsten Thiel betonte: „Digitalpolitik ist immer Demokratiepolitik“. Zugleich wurde die demokratieschützende Dimension des Datenschutzes sowie die gesamtgesellschaftliche Bedeutung individueller Medienkompetenzförderung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene deutlich.
Medienkompetenzförderung und Demokratiebildung müssen also zusammengedacht werden, um gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, politische Mündigkeit und digitale Teilhabe zu ermöglichen. In Zuge dessen hat der Begriff „Politische Medienkompetenz“ in den vergangenen Jahren besondere Aufmerksamkeit erhalten, insbesondere durch die Veröffentlichungen der GMK und der Landeszentralen für Politische Bildung. Der Begriff betont die Verknüpfung der individuellen und gesellschaftlichen Ebene, die Bedeutung von Medienkompetenz als Schlüsselkompetenz, und zugleich den spezifisch politischen Blick auf die Möglichkeiten der Veränderung. In einer Welt, in der autoritäres Denken und Handeln (auch medial) an Raum gewinnt und viele Demokratinnen und Demokraten sich ohnmächtig fühlen, kann „Politische Medienkompetenz“ Hoffnung machen. Mit den Worten des Positionspapiers der Landeszentralen für Politische Bildung: „Veränderungen sind (...) keine festgeschriebenen Entwicklungen, sondern gesellschaftlich und politisch gestaltbar.“