Idealisiertes Hausfrauendasein: Tradwife- und Manfluencer-Narrative in Social Media dekodieren
Neue Unterrichtsmaterialien und Workshops von FILM+SCHULE NRW
Tradwives („traditional wives") inszenieren in ästhetisch aufwendig komponierten Clips ein idealisiertes Hausfrauen- und Mutterdasein: handgebackenes Brot in der pastellfarbenen Küche, Vintage-Schürze, das Lächeln dem heimkehrenden Ehemann entgegen. Manfluencer sind das männliche Gegenstück: junge Männer, die mentale Disziplin, körperliche Härte und ein „Alpha"-Männlichkeitsideal predigen. Beide Phänomene haben auf TikTok, Instagram und YouTube massive Reichweiten erlangt und adressieren bevorzugt Jugendliche und junge Erwachsene.
Das Tradwife-Narrativ: Stabilität als Versprechen und seine Widersprüche
Tradwives inszenieren Stabilität, familiäre Erfüllung und ein scheinbar einfacheres Leben als attraktives Gegenmodell zur modernen Arbeitswelt. Problematisch ist jedoch, dass dieses Ideal häufig mit einer Abwertung alternativer Lebensentwürfe einhergeht: Berufliche Ambitionen oder Bildungsziele erscheinen als zweitrangig, Risiken wie finanzielle Abhängigkeit bleiben unberücksichtigt. Zugleich wirkt das Tradwife-Narrativ widersprüchlich, da die Tradwife-Influencerinnen selbst wirtschaftlich aktiv sind. Über Social Media, Kooperationen und Merchandising erzielen sie Einkommen und vermarkten damit einen Lebensstil, den sie selbst nicht 1:1 leben. Sozialwissenschaftliche Studien zeigen zudem, dass die virale Tradwife-Ideologie feministische Errungenschaften und Gleichstellungsbestrebungen schwächt (vgl. Banet-Weiser, Sarah & Reinis, Sara 2025) und durch Empfehlungsalgorithmen zur „Einstiegsdroge“ für rechtsextreme Inhalte werden kann (vgl. Sykes/Hopner 2024).
Das Manfluencer-Narrativ: Selbstoptimierung als Einstieg, Misogynie als Folge
Manfluencer nutzen harmlos wirkende Hashtags wie #motivation, #mindset oder #success, um ihre Inhalte in die Feeds möglichst vieler Nutzer:innen zu spülen. Hinter scheinbar harmlosen Themen wie Reichtum, Disziplin und Fitness verbergen sich oft radikale Geschlechtervorstellungen und die Delegitimierung von Feminismus und Gleichstellung. Forschungsergebnisse zeigen, dass Manfluencer-Engagement bei Jugendlichen der zuverlässigste Vorhersagewert für Misogynie – also eine tief sitzende Frauenfeindlichkeit oder Abneigung gegen Frauen – ist; der Zusammenhang ist stärker als bei politischen Ansichten, Religiosität oder ethnischer Zugehörigkeit (vgl. Meger 2026). Jungen, die sich von Frauen abgelehnt fühlen, sind besonders empfänglich für manosphärische Inhalte¹ mit erhöhtem Misstrauen und frauenfeindlichen Einstellungen.
¹ Manosphärisch bezieht sich auf die „Manosphere“, einen digitalen Raum aus Online-Communities (z. B. Incels oder Pick-up Artists), die ein oft sexistisches Männerbild propagieren und Frauen systematisch abwerten.
Warum das Thema auch für die Schule relevant ist
Jugendliche begegnen Tradwife- und Manfluencer-Content täglich in ihren Feeds. Algorithmen empfehlen, was zuvor geklickt wurde, und führen die Nutzer:innen oft tiefer in solche Inhaltswelten hinein, als ihnen bewusst ist. Laut einer Studie erhielten simulierte Accounts (Testprofile), die ausschließlich nach neutralen Inhalten wie Gaming oder Fitness suchten, zunehmend frauenfeindliche Empfehlungen (vgl. Baker et al. 2024). Gleichzeitig befinden sich Jugendliche in einer Lebensphase, in der Identität, Geschlechterbild und Selbstverständnis gerade erst Form annehmen. Tradwife- und Manfluencer-Clips zeichnen sehr enge Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit: die Frau in einer dienenden und unterstützenden Rolle, der Mann als dominanter und emotional verschlossener Anführer. Wer diese Bilder als alltägliche Norm erlebt, ohne sie als Inszenierung zu erkennen, übernimmt sie schnell als Maßstab für das eigene Leben.
Neue Unterrichtsmaterialien und Workshops von FILM+SCHULE NRW
FILM+SCHULE NRW stellt umfangreiche Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, anhand derer Schüler:innen lernen, wie Influencer:innen durch filmische Gestaltungsmittel politische Botschaften verpacken, die Geschlechterrollen verengen und gesellschaftliche Ausschlüsse normalisieren. Insgesamt liegen drei praxisnahe Reihen vor: eine für die Sekundarstufe I und zwei für die Sekundarstufe II (auf Deutsch und Englisch). Sie eignen sich insbesondere für die Fächer Deutsch, Englisch, Sozialwissenschaften, Politik, Gesellschaftskunde, Pädagogik, Philosophie und Kunst. Darüber hinaus fördern sie fächerübergreifende Kompetenzen in den Bereichen geschlechtersensible Bildung, Demokratie- und Wertebildung sowie Medienkompetenz. Sie können sowohl unmittelbar im Unterricht als auch in der außerunterrichtlichen Projektarbeit eingesetzt werden. Die modular aufgebauten Unterrichtsreihen ermöglichen ein flexibles Vorgehen. Neben Arbeitsblättern mit interaktiven Aufgaben und Differenzierungsangeboten enthalten sie einen didaktisch-methodischen Kommentar, Impulse zur Einbindung von KI sowie Anregungen für alternative Formen der Leistungsüberprüfung. Die Materialien stehen kostenfrei über die Homepage von FILM+SCHULE NRW sowie über die Bildungsmediathek NRW zur Verfügung.
Unterstützend zu den Materialien bietet FILM+SCHULE NRW kostenfreie Online-Workshops für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte unter dem Titel ShortCUTS: Kompakte Impulse zur Filmbildung an. Die interaktiv und dialogisch angelegten Veranstaltungen ermöglichen es, die Perspektive der Schüler:innen einzunehmen und zu untersuchen, wie Filmanalyse dabei hilft, die Inszenierung von Influencer:innen zu dekodieren. Ergänzend geben sie konkrete Impulse für die Umsetzung des Themas im Unterricht und bieten Raum für fachlichen Austausch. Die aktuellen Termine sind auf der Website von FILM+SCHULE NRW zu finden.
Quellen:
Baker, C.R., Ging, D. & Andreasen, M.B. (2024): Recommending Toxicity: The role of algorithmic recommender functions on YouTube Shorts and TikTok in promoting male supremacist influencers. DCU Anti-Bullying Centre, Dublin City University. Online verfügbar unter: Recommending Toxicity: The role of algorithmic recommender functions on YouTube Shorts and TikTok in promoting male supremacist influencers (Letzter Zugriff: 02.09.2026).
Banet-Weiser, S. & Reinis, S. (2025): The Rage of Tradwives. In: Feminist Theory, Almanac, University of Pennsylvania. Online verfügbar unter: https://almanac.upenn.edu/articles/the-rage-of-tradwives (Letzter Zugriff: 02.09.2026).
Meger, S. (2026): Misogyny, Online Radicalisation, and Youth Extremism in Australia, University of Melbourne. Online verfügbar unter: Item - Misogyny, Online Radicalisation, and Youth Extremism in Australia - The University of Melbourne - Figshare (Letzter Zugriff: 02.09.2026).
Sykes, S. & Hopner, V. (2024): Tradwives: Right-Wing Social Media Influencers. In: Gender & Society. Online verfügbar unter: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08912416241246273 (Letzter Zugriff: 26.02.2026).