Ein Bild schreibt Geschichte
Engelbert Reinekes Fotografie des Kniefalls von Warschau
Der gebürtige Lüdinghausener Engelbert Reineke (*1939) hat als Fotograf des Bundespresseamtes seit 1966 über vier Jahrzehnte hinweg die Kanzler und Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland auf ihren Reisen begleitet. Seine Fotografien zeichnen sich nicht nur durch ein feines Gespür für den entscheidenden Moment aus, sondern auch durch technische Präzision und ausgefeilte Bildkompositionen.
Reineke absolvierte in den 1960er Jahren in Münster eine Fotografenlehre, arbeitete anschließend einige Jahre für den renommierten Mannheimer Fotografen Robert Häusser und wechselte von dort zum Bundespresseamt nach Bonn. Im Laufe seines Berufslebens schuf er eine Reihe von Fotografien, die heute nahezu ikonischen Charakter für die Geschichte der Bonner Republik besitzen. Mit Abstand am bekanntesten wurde sein im Dezember 1970 in Warschau entstandenes Foto des knienden Bundeskanzlers Willy Brandt.[1]
Brandt war seit Herbst 1969 der erste Sozialdemokrat an der Spitze der Bundesrepublik. Die NS-Zeit und den Krieg hatte er – das ist für die historische Deutung dieses Bildes nicht ganz unwichtig – in der norwegischen Emigration überlebt. Den politikhistorischen Kontext der Fotografie fasst der Wikipedia-Artikel über Brandt präzise zusammen: „Als Bundeskanzler der sozialliberalen Koalition richtete er unter dem Motto Wandel durch Annäherung die Außenpolitik Westdeutschlands neu aus und leitete mit seiner Ostpolitik eine Zäsur im politisch konfrontativen Klima des Kalten Krieges ein. Mit den Ostverträgen schlug er einen Kurs der Entspannung und des Ausgleichs mit der Sowjetunion, der DDR, Polen (Kniefall von Warschau) und den übrigen Ostblockstaaten ein. Für diese Politik erhielt Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.“[2]
Reinekes Foto entstand am 7.12.1970 in Warschau am Denkmal für die Opfer beziehungsweise – so die offizielle Bezeichnung – „Helden“ des jüdischen Ghettoaufstandes. Brandt hielt sich in der polnischen Hauptstadt auf, um dort mit der polnischen Regierung den „Warschauer Vertrag“ zu schließen, der unter anderem die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze beinhaltete. Der Bundeskanzler hatte jedoch darauf bestanden, vor der Unterzeichnung am Ghetto-Denkmal einen Kranz niederzulegen.
Dabei ereignete sich etwas Unerwartetes, das Zeitzeugen später so beschrieben: „Nachdem Brandt die Schleifen des Kranzes gerichtet hatte, trat er einen Schritt zurück und sank dann in einer einzigen Bewegung auf die Knie. Die Hände vor dem Bauch gefaltet, verharrte er etwa vierzehn Sekunden in dieser Position und stand dann wieder in einer einzigen Bewegung auf.“[3]
Genau diesen 14-sekündigen historischen Moment hielt Engelbert Reineke im richtigen „AugenBlickwinkel“ fest: Perspektivisch blickt der Betrachter von oben auf den knienden Kanzler, also eine Aufsicht, die im deutlichen Kontrast zur klassischen Herrscherdarstellung in Untersicht steht. Die Geste des Kniens ist eine tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägte christliche Trauerpose; der starre Blick des Kanzlers vermittelt zugleich seine tiefe innere Ergriffenheit.
Verstärkt wird die besondere Wirkung des Bildes durch die Bildkomposition: Das gesamte linke Bilddrittel wird von einer Ehrenwache mit ihrem Gewehr eingenommen. Reineke äußerte später selbst, er habe sich geärgert, dass ihm der Soldat den Blick auf den Kranz versperrt habe. Gestalterisch lenken jedoch gerade der Arm und die martialische Waffe den Blick des Betrachters auf die friedliche, demütige Haltung des Bundeskanzlers und verstärken dadurch die Wirkung der Szene.
Brandts zuvor nicht angekündigter Kniefall war vor allem als Geste der Entschuldigung des deutschen Volkes (persönlich traf ihn ja als Gegner des NS-Regimes keine Schuld) gegenüber den jüdischen Opfern der deutschen Terrorherrschaft und des Holocaust gedacht. Das wurde von den Betroffenen auch durchaus so verstanden. Der deutsch-polnische Holocaustüberlebende und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki schrieb später in seiner Autobiografie, er habe beim Anblick des Bildes gedacht, seine Entscheidung, nach Deutschland zurückzukehren, sei „doch nicht falsch, doch richtig“ gewesen. Weiter hielt er fest: „Damals wusste ich, dass ich ihm bis zum Ende meines Lebens dankbar sein werde.“[4]
Allerdings erhielt das Bild in der öffentlichen Wahrnehmung schnell eine andere oder jedenfalls zusätzliche Bedeutung, die mit wachsendem Abstand zum Ereignis die kollektive Erinnerung inzwischen vollkommen dominiert (vgl. den oben zitierten Wikipedia-Eintrag) Heute wird der Warschauer Kniefall vor allem als Symbol der Aussöhnung mit dem polnischen Volk und der neuen Ostpolitik verstanden, insbesondere als Ausdruck des Verzichts auf deutsche Gebietsansprüche. Die ursprüngliche Bedeutung der Entschuldigung gegenüber den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus ist dagegen weitgehend in den Hintergrund getreten.
Der kommunistischen Regierung Polens war Brandts Kniefall übrigens von Anfang an nicht geheuer. Deshalb erließ die Zensurbehörde die Vorgabe, die Geste zwar zu erwähnen, das Bild aber nicht allzu exponiert herauszustellen. Später wurde Reinekes Fotografie in polnischen Publikationen auf Anweisung der Zensur unten abgeschnitten, sodass der Eindruck entstand, Willy Brandt stehe statt zu knien.
Das Foto vom Warschauer Kniefall ragt aufgrund seiner historischen Symbolik unter den Arbeiten Engelbert Reinekes besonders hervor. Doch auch zahlreiche andere Fotografien zeugen von seinem außergewöhnlichen Gespür für den richtigen „AugenBlickwinkel“. Dem Museum Burg Vischering gebührt großer Dank, dass es diesen bedeutenden westfälischen Fotografen jetzt mit einer sehenswerten Ausstellung gewürdigt hat.
[1] Das Foto ist überliefert im Bundesarchiv Koblenz unter B145 Bild-033028-0030. Ich danke Julia Fassbender vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung sowie Bärbel Rottleb vom Bundesarchiv.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kniefall_von_Warschau
[4] Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, Stuttgart 1999, S. 550f.