Dokus gegen das Vergessen
Drei bewegende Dokumentarfilme lassen Zeitzeug:innen der NS-Zeit sprechen
Im Monat Mai haben wir auf unserem YouTube-Kanal „Westfalen im Film“ drei bewegende Zeitzeugenporträts zur NS-Zeit veröffentlicht. Die filmischen Porträts stellen ganz verschiedene Menschen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt: den Pfarrer Hermann Scheipers und seine Schwester Anna, die jüdische Holocaust-Überlebende Erna de Vries und Paul Brune, der die Misshandlungen der NS-Psychiatrie überlebte.
Die biografischen Zugänge bieten besondere Chancen für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, weil sie nicht mit abstrakten Daten und Fakten über die Verbrechen konfrontieren, sondern mit Personen, die das Unrecht am eigenen Leib erfahren haben. Als gleichsam eindrucksvolle wie erschütternde historische Quellen machen die Zeitzeugenberichte die individuellen Auswirkungen der NS-Diktatur greifbar. Die quasi-persönliche Begegnung mit Diskriminierung und Verfolgung, aber auch mit Widerstand und Zivilcourage, regt zur Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Motiven an, unter denen Menschen für oder gegen das Regime Hitlers agierten.
Gleichzeitig bedürfen Zeitzeugenberichte als historische Quellen einer kritischen Einordnung. Fragen nach dem Entstehungskontext, der Perspektivität und der Selektivität des Erzählten müssen berücksichtigt werden. Dabei gilt es stets, das Zeitzeugnis als wertvolle historische Quelle zu würdigen.
Die drei bislang nur auf DVD verfügbaren Filme sind nun auch online frei zugänglich, um die unmittelbaren Erinnerungen an die Jahre 1933 bis 1945 über das Ende der Erlebnisgeneration hinaus wach zu halten.
Der Dokumentarfilm „Lebensunwert“ beschäftigt sich anhand des Schicksals von Paul Brune mit der Geschichte der nationalsozialistischen Psychiatrieverbrechen und ihrer Kontinuitäten über 1945 hinaus. Der Film von Robert Krieg und Monika Nolte entstand 2005 als Co-Produktion des LWL-Medienzentrums und des WDR. Auf eindrückliche Weise beleuchtet er die Psychiatrieverbrechen der Nationalsozialisten, die zu den lange wenig beachteten Kapiteln deutscher Zeitgeschichte gehören. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen begann, endete ab 1939 für über 200.000 Menschen mit der Ermordung in der so genannten „Euthanasie“. Auch in Westfalen gerieten so Tausende von Menschen in den Strudel des „rassehygienischen“ Vernichtungswahns. Einer von ihnen war Paul Brune. Er wurde 1943 als Achtjähriger in die „Kindereuthanasie“-Abteilung der Provinzialheilanstalt Dortmund-Aplerbeck eingewiesen. Mit Glück überlebte er die Massenmorde der NS-Psychiatrie; das Stigma, „lebensunwert“ zu sein, wurde er aber nie mehr los. Bis an sein Lebensende litt Paul Brune, der 2015 starb, an den Folgen und Kontinuitäten der NS-Psychiatrieverbrechen. Der am 14. Mai 2026 auf dem YouTube-Kanal des LWL-Medienzentrums wiederveröffentlichte Film erhielt innerhalb von zwei Wochen über 50.000 Aufrufe und fast 600, oft erschütternd-berührende Kommentare.
Das Filmporträt „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“ stellt die Zeitzeugin Erna de Vries (1923-2021) in den Mittelpunkt. Im Sommer 1943 wurde sie als Jüdin in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort schließlich in den Todestrakt verlegt. Ihr letzter Wunsch war es, noch einmal die Sonne zu sehen. Auf Grundlage eines bewegenden Interviews erzählt der Dokumentarfilm wie Erna de Vries der Vergasung entkam, Krieg und Verfolgung überlebte und als Zeitzeugin von ihren Erfahrungen berichtete. Realisiert wurde der Film 2007 von Geschichtsstudierenden der Uni Münster im Rahmen des Vereins Projekt Zeitlupe.
Der Dokumentarfilm „Dir gehört mein Leben“ erzählt von dem Geschwisterpaar Anna und Hermann Scheipers und ihrer Zivilcourage unter zwei deutschen Diktaturen. Produziert wurde er 2003 im Auftrag von LWL-Medienzentrum und MDR durch den Münchner Filmemacher David Menzhausen. Im Mittelpunkt stehen die im münsterländischen Ochtrup geborenen Zwillinge Anna und Hermann Scheipers. Hermann Scheipers wurde 1940 als katholischer Priester in das KZ Dachau eingeliefert. Sein Überleben verdankte er seiner Zwillingsschwester Anna, die sich dem NS-Regime mutig entgegenstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte er als Pfarrer in der DDR und geriet auch dort mit den Machthabern in Konflikt. Der Film begleitete den damals 90-jährigen von seinem Geburtsort Ochtrup über Dachau bis nach Sachsen und beleuchtet dabei entscheidende Kapitel der politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Zeitgeschichte Deutschlands zwischen 1933 und 1989. Anna Scheipers starb 2007, ihr Bruder im Jahr 2016 im Alter von 102 Jahren.