Was blieb vom „Dorf Utopia“?
Ein neuer Dokumentarfilm erinnert an die Höfeaussiedlung der 1960er Jahre
Die Revolution begann in Brilon. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre wurden im Rahmen eines bundesweiten Modellprojekts 37 Bauernhöfe aus dem Ortskern der sauerländischen Stadt ausgesiedelt. Mehr als sechzig Jahre später kehrt der Dokumentarfilm „Das Dorf Utopia“, produziert vom LWL-Medienzentrum für Westfalen gemeinsam mit dem LWL-Freilichtmuseum Detmold, an diesen Ort zurück und fragt danach, wie die damaligen Umbrüche heute erinnert und bewertet werden.
Brilon war bereits im Mittelalter eine bäuerlich geprägte und noch bis in die 1950er-Jahre bestimmten zahlreiche Höfe das Stadtbild. Ihr Fachwerk verlieh dem Ort zwar ein idyllisches Erscheinungsbild, doch hinter dieser Fassade wurde die landwirtschaftliche Arbeit zunehmend schwieriger: Die Höfe waren beengt, der Weg auf die Felder weit und die größer werdenden Landmaschinen behinderten den wachsenden Verkehr im Stadtzentrum. Diese Probleme waren nicht auf Brilon beschränkt, sondern betrafen viele Dörfer und Städte in Deutschland, in denen Bauernhöfe dicht im Ortskern lagen.
So versuchte in den 1950er-Jahren Bundeslandwirtschaftsminister Heinrich Lübke die deutsche Landwirtschaft grundlegend zu modernisieren. Größere Flächen, zeitgemäße Technik sowie moderne Wohn- und Stallgebäude waren zentrale Elemente des sogenannten Lübke-Plans. Und da Lübke, der spätere Bundespräsident, selbst in Brilon Abitur gemacht hatte, wählte er den Ort als Modellregion aus. Den Bauern wurde ein verlockendes Angebot gemacht: Wenn sie das Ortszentrum verließen, erhielten sie Unterstützung, um einen ganz neuen Betrieb im Umland aufzubauen.
Die mit allen Traditionen brechende Bauweise der Aussiedlungshöfe und ihre Lage „auf der grünen Wiese“ ermöglichte die maximale Mechanisierung und Automatisierung von Arbeitsabläufen. Dadurch wurde die Arbeit auf den Höfen erheblich erleichtert. Aus Sicht der Planer war diese Rationalisierung notwendig, damit landwirtschaftliche Betriebe mit weniger Personal auskommen und gegenüber bereits industriell produzierenden Betrieben, etwa in den USA oder der DDR, konkurrenzfähig bleiben konnten. Die Entscheidung für eine stärker industrielle Ausrichtung der Landwirtschaft stellte eine politische Weichenstellung dar. Sie prägte die weitere Entwicklung des Agrarsektors, der Lebensmittelindustrie, der Agrartechnologie sowie der sozialen Strukturen im ländlichen Raum der Bundesrepublik nachhaltig.
Der 2025 gedrehte Dokumentarfilm von Daniel Huhn blickt mit zeitlichem Abstand auf diesen Prozess zurück. Dabei verbindet er historische Archivaufnahmen mit persönlichen Erinnerungen und aktuellen Beobachtungen vor Ort. Im Mittelpunkt stehen Bernhardine Jütten und Lenchen Brandenburg, zwei Frauen, die als junge Bäuerinnen selbst von der Aussiedlung betroffen waren. Während sie bei den damaligen Entscheidungen über Hofplanung und Umzug meist im Hintergrund standen, rückt der Film heute ihre Perspektive in den Vordergrund. In Gesprächen berichten sie, wie sie den Umzug auf die neuen Höfe erlebt haben, welche Hoffnungen damit verbunden waren und welche Veränderungen dieser Schritt für ihren Alltag bedeutete. Die Erinnerungen der Frauen eröffnen einen sehr persönlichen Zugang zu einem tiefgreifenden strukturellen Wandel, der die Landwirtschaft in Westfalen bis heute prägt.
„Aussiedlerhöfe stehen für den Entwicklungsschritt von der vorindustriellen zur modernen Landwirtschaft. Die Höfe galten als Blaupause für die Zukunft der Landwirtschaft“, sagt Dr. Marie Luisa Allemeyer, Leiterin des LWL-Freilichtmuseums Detmold, die den Film angeregt und redaktionell begleitet hat. Gemeinsam mit ihrem Team plant sie, einen der Briloner Höfe in das Freilichtmuseum zu translozieren und damit zur Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Agrargeschichte anzuregen.
„Das Dorf Utopia“ zeichnet ein eindrückliches Porträt einer Zeit des Aufbruchs und der Neuordnung in der Landwirtschaft. Zugleich macht der Film deutlich, dass das damalige Modell weit über Brilon hinausweist und beispielhaft für den Wandel vieler ländlicher Regionen steht. Die einst angestrebte Optimierung der Landwirtschaft erwies sich langfristig als trügerische Vision: Viele kleine Familienbetriebe konnten mit der zunehmenden Globalisierung und der wachsenden Konkurrenz durch spezialisierte Großbetriebe nicht Schritt halten.
Am Samstag, 28. März 2026, feierte der Film im voll besetzten Briloner Kino Premiere. Organisiert wurde die Vorführung vom Briloner Heimatbund gemeinsam mit dem städtischen Museum Haus Hövener. Seit dem Premierenabend ist „Das Dorf Utopia“ außerdem auf dem YouTube-Kanal „Westfalen im Film“ abrufbar.