Transkript anzeigen Abspielen Pausieren

Deutsche, wisst ihr wirklich?

18.02.2026 Markus Köster

Schockfilme über NS-Verbrechen sollten 1945 in Westfalen aufklären

Mit der Entstehung, dem Einsatz und der Wirkung von Foto- und Filmdokumenten über NS-Verbrechen beschäftigte sich eine gut besuchte Veranstaltung für Studierende, die das LWL-Medienzentrum gemeinsam mit dem Geschichtsort Villa ten Hompel und dem Historischen Seminar der Universität Münster im Wintersemester 2025/26 anbot.

Fotografien und vor allem Filmaufnahmen der nationalsozialistischen Verbrechen in den Konzentrationslagern, die von den Alliierten nach der Befreiung aufgenommen wurden, haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Sie zeigen Lagerinsassen, aber auch Leichen, das Verhören von Tätern und die angeordnete Besichtigung der Verbrechensorte durch die Anwohnerschaft. Auch in Westfalen entstanden zahlreiche solcher Aufnahmen, einige hat das LWL-Medienzentrum in der 2015 produzierten Dokumentation „Als die Amerikaner kamen“ veröffentlicht. Die Alliierten setzten diese visuellen Dokumente nicht nur als Beweismittel in Kriegsverbrecherprozessen ein, sondern auch zur „Umerziehung“ der deutschen Bevölkerung, was sehr zwiespältige Reaktionen hervorrief. Das Seminar ging der Frage nach, unter welchen Umständen diese Bilder speziell in Westfalen entstanden, wie sie öffentlich wahrgenommen und diskutiert wurden. Breiten Raum nahm auch die Frage ein, wie wir heute mit diesen Schockbilder angemessen umgehen können, beispielsweise in der historisch-politischen Bildungsarbeit von NS-Gedenkstätten, in Hochschulen, Schulen, Online- und Printmedien, auf Social Media Plattformen oder gar in Gaming- bzw. fiktionalen Formaten.

Filmvorführungen in Minden und Burgsteinfurt

Ein regionaler Detailaspekt betraf die Vorführung von Schockfilmen im Mai 1945. Für mehrere westfälische Städte, insbesondere Burgsteinfurt und Minden, sind solche Vorführungen schon für Mai 1945 belegt.  Aus der ostwestfälischen Kreisstadt Minden ist im Imperial War Museum in London eine rund achtminütige Filmsequenz überliefert, die zeigt, wie eine lange Schlange von Menschen auf den Einlass ins Scala Lichtspielhaus wartet und später wieder hinauskommt. Ein ins Bild gerücktes Plakat fordert zum Besuch der Filmvorführungen auf:

„Deutsche! Wißt ihr wirklich, was in Eurem Lande während der Naziherrschaft vor sich gegangen ist? Wißt ihr, mit welchen Greueln der deutsche Name vor der gesamten Welt besudelt worden ist? Auf Veranlassung der Alliierten Militärregierung finden in der Scala Sonnabend, den 19. Mai 1945 um 14, 14.30, 15, 15.30 und 16 Uhr sowie um 18, 18.30, 19, 19.30 und 20.00 Vorführungen des Films über das Konzentrationslager Belsen statt. Zur Herstellung des Films ist nur amtliches Material verwertet. Eintritt frei! Jugendliche unter 16 Jahren haben keinen Zutritt“. Der Aufruf endet mit einer Aufforderung: „Zeigt durch Euren Besuch der Vorstellungen, dass es Euch Ernst ist um die Wahrheit, die man Euch verheimlicht hat. Der Bürgermeister: Dr. Hutze“.

Trotz der exakten Planung scheint die Aktion in Minden aus dem Ruder gelaufen zu sein: Die Kinovorführungen mussten abgebrochen werden, weil der Andrang zu groß geworden war.

Im münsterländischen Burgsteinfurt erfolgten die Kinovorführungen anders als in Minden offenbar auf direkte Anweisung der britischen Militärregierung. Den Hintergrund bildete ein Artikel in einem britischen Soldaten-Magazin, das die Kreisstadt im nördlichen Münsterland als „Village of Hate“ bezeichnet hatte, weil die Briten hier eine besondere Widerspenstigkeit der Deutschen gegen die Umerziehungsmaßnahmen wahrzunehmen glaubten. Offenbar als Reaktion darauf befahl der örtliche britische Befehlshaber Captain A. Stirling für den 30. Mai allen Einwohnern über 14 Jahren – ein Fotograf schätzte 4.000 Menschen – den Filmbesuch und ließ das durch ein Kamerateam dokumentieren. Wie aus Minden sind auch aus Burgsteinfurt zusätzlich zu den Filmsequenzen Fotos überliefert, die die Kinovorführungen bzw. deren Besucher porträtieren. So ist auch eine besonders bemerkenswerte Episode fotografisch dokumentiert: Zwei Mädchen, die nach dem Filmbesuch keine für angemessen erachtete Reaktion gezeigt, sondern angeblich gelacht hatten, mussten sich den Film gleich noch ein zweites Mal ansehen.

Ein Foto des Kinosaals in Burgsteinfurt enthüllt, was die Zuschauer dort und vermutlich auch in Minden sahen: einen Beitrag aus der britischen Wochenschau Movietone News vom 30. April 1945. Er trug den Titel Atrocities – The Evidence und zeigte – natürlich auf englisch – sowohl den Besuch einer britischen Parlamentarier-Delegation in Buchenwald als auch Aufnahmen aus Bergen-Belsen, dem Buchenwald-Außenlager Gardelegen und dem Stalag Thekla bei Leipzig.

Reaktionen der deutschen Bevölkerung

Bemerkenswert ist, dass das britische Kino-Publikum schon am 31. Mai wiederum Aufnahmen aus Minden zu sehen bekam. Die Wochenschau Movietone News präsentierte an diesem Tag am Ende eines Beitrags Burning Belsen über das Niederbrennen der Baracken im KZ Bergen Belsen eine gut 30 Sekunden lange Sequenz mit den oben beschriebenen, zwei Wochen zuvor vor dem Scala Lichtspielhaus in Minden entstandenen Aufnahmen. Der Off-Kommentar erläutert: „While the Allies destroy the camp and care for the survivors, the people of Germany are compelled to see the horror films that were taken there. In Minden for example we see them entering a cinema under compulsion. Inside they see what the British public have seen. And if any are not sickened with shame, they are indeed beyond redemption.“

Wochenschauberichte wie diese sollten also der britischen Öffentlichkeit zeigen, dass und wie die Deutschen mit den in ihrem Namen begangenen Verbrechen konfrontiert wurden und dass dies Wirkung bei ihnen zeigte.

Von deutscher Seite sind die Vorführungen der Atrocity-Filme schon unmittelbar nach dem Krieg und auch rückblickend viel kritisiert worden. Tatsächlich wirkte die massive Konfrontation mit den Schockbildern offenbar auf viele „unbelehrte“ Deutsche geradezu kontraproduktiv. Sie stellten der alliierten Überzeugungsabsicht Abwehrstrategien entgegen, die von der Selbststilisierung als Opfer bis hin zum Vorwurf der Propagandalüge reichten. Viele waren durch das Gesehene auch schlicht emotional überwältigt. Der Schriftsteller und Journalist Erich Kästner hielt nach dem Kinobesuch fest: „Ich bringe es nicht fertig, über diesen unausdenkbaren, infernalischen Wahnsinn einen zusammenhängenden Artikel zu schreiben.“

Dass die Aufnahmen und ihre Vorführung trotzdem einen grundsätzlichen Einstellungswechsel hervorrufen konnten, belegen retrospektive Zeitzeugenaussagen wie die des damals etwa 14-jährigen Eckhard Stuckel. Er erinnerte sich in Daniel Huhns Film „Good Morning Westphalia – Die Geschichte der Briten in Westfalen“ (LWL-Medienzentrum 2017) an eine Filmvorführung in seiner Heimatstadt Detmold so: „Ich habe an einem Schlüsselerlebnis gemerkt, welchen Verbrechern wir unter den Nazis aufgesessen sind, als ich im Kino den Film über die Einnahme des Konzentrationslagers Bergen-Belsen sah. Und diese grauenvollen Bilder, die haben mir eigentlich die Augen geöffnet. Zuerst wollte ich es nicht glauben. Und da habe ich also doch das Gefühl gehabt, dass wir befreit wurden.“

Schlüsselbilder der kollektiven Erinnerung

In seiner nach mehr als sieben Jahrzehnten natürlich überformten Erinnerung weist Stuckel den Aufnahmen der Alliierten einen geradezu kathartischen Effekt auf seinen politischen Einstellungswandel zu und liefert damit einen subjektiven Beleg dafür, dass die 1945 in den Lagern entstandenen „Schockfilme“ zumindest bei einem Teil der Betrachter tatsächlich eine längerfristig „umerziehende“ Wirkung entfalten konnten. Auf diese langfristige Wirkung der Filme hofften auch die Alliierten. Und in mancher Hinsicht gibt ihnen die Geschichte recht.

Denn zweifelsohne haben die 1945 in den befreiten Lagern gedrehten Filme unser kollektives Bildgedächtnis enorm geprägt. Ikonografisch haben die alliierten Kameraleute einen Bildervorrat geschaffen, der bis heute jeden Dokumentarfilm zum „Dritten Reich“ versorgt. Und selbst Spielfilme wie der Hollywood-Blockbuster Schindlers Liste oder populäre Video Games wie „Fortnite“ und „Wolfenstein“ orientieren sich eng an den Bildmustern der Filmaufnahmen von 1945.