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Baustein 1: Das Bild der Frau in der NS-Zeit. Zwischen Ideologie und Realität

Bausteine zur Interpretation von Fotografien im Geschichtsunterricht

Die NS-Ideologie wies – im Einklang mit verbreiteten konservativen Anschauungen – Männern und Frauen unterschiedliche Bestimmungen und Aufgaben zu. Während der Mann allein das Geld verdienen sollte und sich als Soldat zu bewähren hatte, sollte die Frau sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter beschränken. In der Realität freilich konnte man allein schon aus wirtschaftlichen und finanziellen Sachzwängen diesen ideologischen Anspruch nicht umsetzen. Zwar stieg im „Dritten Reich“ die Geburtenrate, dennoch nahm die Frauenerwerbstätigkeit in der Industrie und der Landwirtschaft zu. Erst Recht im Krieg mussten die Frauen „ihren Mann stehen“. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler bescheinigt dem NS-Regime deshalb „offizielle[n] Antifeminismus und indirekte Emanzipationsförderung“.

Während das Foto „Kartoffelernte, um 1937“ (Abb. 1) eine Gruppe Mädchen bzw. junger Frauen auf dem Feld zeigt, rückt das andere Motiv „Zwei Arbeiterinnen der Weberei Becker, 1938“ (Abb. 2) in den Blick, die vor dem Betriebsgebäude stehen. Auf beiden Bildern präsentieren sich die jungen Frauen demonstrativ selbstbewusst (Körperhaltung, Mimik). Um zu erörtern, ob ihre Darstellung dem Idealbild der NS-Propaganda entsprach, lohnt ein Vergleich mit Propagandabildern, etwa von der Verleihung eines Mutterkreuzes. Zugleich offenbaren die Bilder noch eine gewisse „Rückständigkeit“ des Lebens auf dem Lande (Pferde statt Traktoren, Holzschuhe statt Lederschuhe).

Möchten Sie den Baustein „Das Bild der Frau in der NS-Zeit“ als Arbeitsblatt herunterladen? Das PDF finden Sie hier (nicht barrierefrei).

Zugang/Methode: Bildinterpretation - Bildvergleich

Aufgaben:

  1. Beschreiben Sie die beiden Bilder. Versetzen Sie sich in die Frauen herein und erstellen Sie „Sprech- bzw. Gedankenblasen“.
  2. Setzen Sie die Bilder in Beziehung zur nationalsozialistischen Frauenpolitik.
  3. Suchen Sie im Schulbuch oder dem Internet nach weiteren Frauenbildern aus der NS-Zeit und vergleichen Sie diese mit den Aufnahmen von Böckenhoff.


Zusatzinformationen:

Die wirtschaftliche Lage im Westmünsterland
Neben der Landwirtschaft spielt(e) die Textilindustrie im Kreis Borken, in dessen Süden Raesfeld liegt, eine wichtige Rolle. Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges zählte Raesfeld in seinen verschiedenen Bauerschaften 205 Höfe. Eine Leinenweberei beschäftigte etwa 100, ein Sägewerk mit angeschlossener Holzschuhfabrikation zusätzlich noch einmal 25 Arbeiter. 60 Männer pendelten zwischen ihrem Heimatort und den Buna-Chemiewerken im rund 30 km entfernten Marl. Im Mai 1939 wies die Gemeinde Raesfeld in 435 Haushaltungen insgesamt 2.629 Einwohner auf. Die Bevölkerung war ganz überwiegend katholisch (über 80 Prozent); nur eine kleine Minderheit bekannte sich zum evangelischen Glauben. Politisch waren die Raesfelder bis 1933 mehrheitlich der katholischen Zentrumspartei verbunden und konservativ eingestellt.

Arbeitsdienst für Mädchen und junge Frauen
Mädchen und junge Frauen arbeiteten schon immer in der Landwirtschaft, und sei es als Hilfe auf dem elterlichen Hof. Da unbekannt ist, wer die jungen Frauen auf dem Foto sind, besteht die Möglichkeit, dass es Landjahrmädel sind, die ihr Pflichtjahr in Raesfeld ableisteten.
Das NS-Regime griff Ideen aus der Weimarer Republik auf und führte nicht nur für männliche Schulabgänger einen Pflicht-Arbeitsdienst ein, sondern auch für immer mehr junge Frauen. Während die Jungen v.a. zu Bauvorhaben herangezogen wurden, fanden Mädchen bei Ernteeinsätzen, bei karitativen Aufgaben oder im Haushalt Verwendung. Wie die Jungen lebten die Mädchen in eigenen Lagern und der Arbeitseinsatz wurde von der Jugend nicht nur negativ gesehen, denn die Jugendlichen lernten andere Gleichaltrige kennen und ihre Persönlichkeit entwickelte sich weiter. So führt auch der Historiker Wehler aus: „Es ist nicht zu bestreiten, dass das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit, die Selbstsicherheit und Improvisationsfähigkeit von Hunderttausenden von Mädchen und jungen Frauen im BDM, im RAD, in den Parteiverbänden ungeachtet des Umstandes, dass sie formal in ein System von Befehl und Gehorsam eingebunden blieben, nachhaltig gefördert worden ist. BDM- und Pflichtjahrmädchen (im Nu 330.000, dazu 14.000 im Landdienst) erlebten ganz so wie die RAD-‚Maiden‘ andere soziale Verhältnisse, als sie diese in der Stadt oder auf dem Land bisher kennengelernt hatten. Meist lebten sie zum ersten Mal weit weg von ihrer Familie und mussten sich auf einem neuartigen Aufgabenfeld nicht weniger selbstständig bewähren als später bei der Bewältigung traditioneller Männeraufgaben“.

Beobachtungen zu den Fotos:

Es liegen keine weiteren Informationen zu dem Bild vor.

Kleidung / Gegenstände
Alle Frauen tragen Holzschuhe, egal ob sie auf dem Feld oder in der Fabrik arbeiten. Die Arbeiterin links trägt in ihrer rechten Hand zwei Spulen, während ihre Kollegin eine kleine Schere hält. Beide Textilarbeiterinnen tragen ihr Haar zwar nicht offen, aber ohne Kopfbedeckung. Dagegen schützen die Frauen auf dem Feld mit Kopftüchern ihr Haar vor dem Staub und Dreck. Aus praktischen Gründen tragen sie sogar Hosen, obwohl das eigentlich bis in die 1960er Jahren für Frauen gesellschaftlich verpönt war. Zu guter Letzt erinnert das Pferd auf dem Erntebild daran, dass in der Landwirtschaft noch längst nicht überall Maschinen und Motoren eingesetzt wurden.

Körperhaltung / Stimmung
Auf beiden Bildern geben sich die jungen Frauen sehr selbstbewusst, um nicht zu sagen: „lässig und cool“. Die Frauen auf dem Feld haben sogar demonstrativ ihre Hände in den Hosentaschen, nur die ganz rechte hebt die Hand, aber nicht zum Hitlergruß, sondern um das Pferd zu streicheln.

Komposition
Beide Bilder sind arrangiert. In der Aufnahme der beiden Textilarbeiterinnen soll der Hintergrund, eine Backsteinfassade mit verschlossener Tür und  heruntergelassenem Fensterrollo, wohl Spontanität ausdrücken, da er nicht besonders „schön“ oder „einladend“ wirkt. Eigentlich würde man erwarten, dass der Fotograf dafür sorgt, dass der Firmenschriftzug mit ins Bild kommt oder die Tür geöffnet wird, damit man in den Betrieb sehen kann. Man erkennt jedoch, dass der Fotograf seine Models extra positioniert hat und beide Arbeitswerkzeuge in der rechten Hand halten. Eine der beiden Arbeiterinnen schaut zu zwei Personen, die die Szene beobachten und deren Schatten links ins Bild fallen.
Noch deutlicher wird die Inszenierung beim Erntebild. Genau in der Bildmitte steht der Kartoffelsack, um den sich die Frauen gruppieren. Im Hintergrund sieht man einen Baum, und fast wirkt es so, als ob dieser aus dem Kartoffelsack wächst: Der Sack ist zwar klein, es wächst aber etwas großes hervor. Die Wichtigkeit des Pferdes als Arbeitskraft, wird durch seine Bildfülle verdeutlicht; es verdeckt sogar noch zwei weitere Personen im Hintergrund.

Zu Baustein 2: Jugend in der NS-Zeit